Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Hellenistica [Rezension]
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 436 (sequence 12)
- Language
- German
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436 Die Tragweite der Untersuchungen L.s wird ,erst dann deutlich, wenn man seiner geschichtlichen Betrachtung die systematische und psychologische zur Seite stellt, also nach dem übergeschichtlichen Tatbestände fragt, der in den verschiedenen Zeiten und auf den verschiedenen Kulturgebieten in verschiedenen Formeln zum Ausdruck kommt. Dieser Tatbestand ist die Empfindung, daß sich• der genial begeisterte Mensch einerseits von dem klugen und klügelnden Rationalisten unterscheidet, andererseits von dem sinnlos oder wirr lebenden Herdenmenschen, mit dem ihn der Rationalist oft genug verächtlich zusammen wirft. Mit dem Begriff des ,,nüchternen Rausches"1 gehört daher derjenige der docta ignorantia, auf welchen W. Jaeger den Verfasser hinwies (415), aufs engste zusammen — als Ausdruck des Gefühls dafür, daß Gott ,,sichtbar und unsichtbar ist", wie es wiederum am deutlichsten die Herniesmystik (Poimandres 5) ausspricht. In beiden kommt zum Ausdruck, daß die vom Rationalismus verlachten Erkenntniswege in Wahrheit den seinigen überlegen, ja, die einzigen Wege wahrer und tiefer Erkenntnis sind. Höchst lehrreich ist nun L.s Nachweis (50 ff.), daß dieser Glaube an einen überrationalen Erkenntnisweg sich durchaus nicht auf das Gebiet des Religiösen beschränkt, sondern daß der Begriff einer ,,besonnenen Raserei", einer awcppcov fiavia, sich findet in der Lehre vom r e d n erischen Ge nie, das die Regeln weder zu erlernen braucht, noch ihrer spottet, sondern sie <puaz1 in sich trägt (59). Die innerliche Zusammengehörigkeit dieser Lehre mit der vielbesprochenen Anschauung von den großen Männern/insbesondere den Patriarchen bei Philon, die das Gesetz hielten, weil sie selbst die• verkörperten Gesetze waren2, springt ins Auge. Und man sieht, wie ernst sich die griechische Kultur, so gewiß der Logos ihren Zentralbegriff bildet, mit der Grundfrage auseinandergesetzt hat, deren Ernst in der Begriffssprache unserer Tage wohl am eindringlichsten Ludwig Klages3 dargestellt hat — der Frage nach dem Recht und den Gr enzen des Ra t i onalismus. Natürlich erfährt die allgemeine Einsicht in solche Grenzen ihre besondere Färbung, sobald sie auf das Gebiet des Religiösen angewandt wird. Der Versuch, durch Belehrung und Uebung rednerische Genies heranzubilden, kann als vergeblich, aber nicht als frevelhaft gelten; wohl aber kann dies das Bestreben, mit unserem armen Menschenverstand die Geheimnisse Gottes erkennen zu wollen. Daher die Betonung der Passivität des Menschen, auch bei Philon, wo er 'von der pneumatischen Erkenntnis redet. Aber so'bezeichnend, wie L. 58, erscheint mir gerade dies Merkmal nicht, zumal auch die rationalistische Erkenntnislehre der Giiechen in dem hier anzunehmenden weiten, den Sensualismus einschließenden Sinne der Passivität einen sehr weiten Raum laßt; kennzeichnend ist vielmehr, daß im Widerspruch mit der Lehre vom Werte der Einzel wissen- 1 Auch das Bild des Bausches liegt nicht nur dem Altertum nahe; vgl. über ,,die Anwendung des Begriffs der Mystik auf die höheren Stufen der Trunkenheit“, Underhill, Mystik, deutsche Ausg. 96. .2 S. u. S. 441. ' \; .....׳ . ... 3 Der Geist als Widersacher der:־. Seele, :192,9.