Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Hellenistica [Rezension]
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 427 (sequence 3)
- Language
- German
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427 deuteten Stelle Jes 714 absieht), und schließt von da auf die Gering- Schätzung der Mutter; er weiß nicht, daß auch von seinem Vater nirgends die Rede ist. Er weiß, daß nach der Bibel niemand heilig ist wie Gott1; er übersetzt S. 33: ,,nul n’est saint hormis Dieu" und folgert daraus, daß das Judentum Menschen nicht als heilig bezeichne; er weiß also nicht, daß z. B. nach Lev 192 der Mensch heilig sein soll, eben weil Gott heilig ist. Er weiß, daß die heutigen Juden Verstorbene mit dem Zusatz ,,gesegneten Andenkens'' erwähnen, während bei Nichtjuden ein Ausdruck wie ,,sainte memoire" üblich sei; er weiß also nicht, daß es Sitte ist, vorbildlich religiöse Menschen, insbesondere Märtyrer, mit der Bezeichnung הקלוש zu erwähnen. Er weiß, daß in der Bibel häufig von יראת י״י die Rede ist; er weiß nicht, daß dieser Begriff dem griechischen <pößo<; keineswegs entspricht; denn nach dem Psalm sprechen gerade die Gottesfürchtigen ,,ewig währet seine Gnad e"2. Er weiß, daß das Judentum das Gebot, den Ewigen zu lieben (Deut 65), in das tägliche Gebet aufgenommen hat; er sucht diese Stelle durch den Hinweis auf rituelle Vorschriften über das Gebet zu entwerten und daran festzuhalten, daß das Judentum in der Hauptsache eine Religion der Furcht geblieben sei; er weiß nicht, daß nach dem halachischen Midrasch zu eben jener Stelle religiöse Handlung aus Liebe doppelten und dreifachen Wert hat im Vergleich zu der Handlung aus Furcht3. Wieweit sich in der griechischen Religion Ansätze zum Begriff der Gottesliebe und der religiösen Heiligkeit finden, lasse ich hier ganz dahingestellt, da Zielinskis Material auch nach der hellenistischen Seite hin der Ergänzung fähig und bedürftig ist4. Sicher ist, daß der christliche Sprachgebrauch von ayioq offensichtlich unter jüdischem Einfluß steht5 und daß die griechische Religion zur Bildung des Wortes <pMfteo<z} trotz ihrer starken Neigung zu ähnlichen Bildungen, in vorchristlicher Zeit keinen Anlaß fand. Niemand leugnet den tiefgehenden Einfluß des Hellenismus auf das Christentum und auch die Notwendigkeit, das innere Verhältnis beider gemäß den Fortschritten der Altertumswissenschaft darzustellen. Aber eine ,,etude purement objective" wie das Schriftchen Zielinskis (S. 8) leistet bezüglich der Grundfragen weder der Religionswissenschaft noch der Weltanschauungslehre einen Dienst. — Wir werfen nunmehr einen Blick auf einige Arbeiten zur Geschichte des jüdischen Hellenismus. 1 1 איך־קדוש כי־-י Sam 22. 2 Ps 1184. Vgl. auch meine Anmerkung zu Philon Spec. leg. II 239, der den Unterschied zwischen ידאה und <poßo; gleichfalls nicht kennt und sich daher bemüht, das biblische Gebot der ״Furcht“ vor den Eltern zu rechtfertigen. 3 Die Belege über die Auffassung von Gottesfurcht und Gottesliebe und die Höherschätzung der letzteren im talmudischen Schrifttum finden sich bei M. G utt mann, Mafteach hatalmud II 23. Ueber das Fortleben dieser Bewertung in ganz kulturfernen ostjüdischen Kreisen, wie sie Zielinski gern zur Veranschaulichung jüdischer Frömmigkeit heranzieht, vgl. Jehudo Epstein, Mein Weg von Ost nach West (Engelhorn) 22 f. 4 Einiges über das Schwanken der Anschauungen bei Walzer, Magna Moralia und aristotelische Ethik (1929) 226 ff. 5 Vgl. Heinemann, MGWJ 1923, 279 f. 28*