Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Neue bibelgeschichtliche Literatur [Rezension]
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 347 (sequence 3)
- Language
- German
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347 Texte nicht bei jeder scheinbaren Unebenheit vom Korrektnrstift Gebrauch machen soll. Die historische Wirklichkeit sei allein durch sachgemäßes Verwerten der alten Ueberlieferungen, unter Berücksichtigung aller modernen Forschungsergebnisse, ausfindig zu machen. Für den Wert der biblischen Tradition spricht z. B., daß sie (Gen 1010) die Sumerer als Nichtsemiten kennzeichnet. Den jüdisch-konservativen Bibelforschern ist zu sagen, daß vielen jüdischen Denkern der alten Zeit nicht wenige kritische Fragen aufgestoßen sind, und daß die alten Lehrer des Judentums eine historische Kritik, wenn damals eine solche bekannt gewesen wäre, durchaus respektiert hätten. Die freie Richtung in der katholischen Bibelwissenschaft bestätigt die alte Erfahrung, daß, wenn man sich eine fremde Methode ungeprüft zu eigen macht, man gar bald zum Leibeigenen dieser Methode wird. Die Schwäche Wellhausens besteht nun fraglos darin, daß er glaubt, die Geschichte Israels ließe sich nicht über das Volk (nach den Berichten des A. T.) selbst hinausführen (Wellh.: ,,Isr. und jüd. Gesch.", Berlin 1914, S. 10), und daß er von ״einem vielsagenden Vakuum", ,,einem jahrhundertelangen Zwischenraum“, spricht, ״in dessen ereignisloser Stille der Vater Jakob sich zum Volke Israel ausbreitet" (das.). Aber ist denn nun wirklich für das, was J. mit seinem Buche bezweckt, so viel gewonnen, daß er feststellen will (S. 13—15), daß Palästina bereits in prähistorischer Zeit von außen kommenden Kultur ei nflüssen unterstellt war und dann doch in der Richterzeit nicht vermochte zur alten Kulturhöhe zurückzugelangen (S. 25)? Sicherlich waren die alten jüdischen Stämme nicht nur Nomaden, die aus der östlichen Hälfte der Sinai-Halbinsel stammten. Aber auch die früheren arabischen Stämme können, wie wir heute wissen, nicht nur raub- und beutelustige Beduinen gewesen sein. Jampel erkennt dies auch selber an (S. 17) und nennt darum die Patriarchen seßhafte Halbnomaden. Ob nun Israel, ״das noch kein‘ israelitisches Volk war, sondern ein Embryo im Leibe jenes Volkes, dem es seine Herkunft verdankt" (S. 39), babylonischen, aramäischen oder arabischen Ursprungs war, und ob die Anfänge des jüdischen Schrifttums (und es dreht sich auch für Jampel nicht, wie sich aus seinen Arbeiten ergibt, um die überlieferte Anordnung dieser Bücher und ihrer Autoren) in eine frühere Zeit zu verlegen sind, fällt für die Bibel- Wissenschaft weniger ins Gewicht, als die Art der Quellenscheidungshypothesen, wie sie Schräder, Dillmann, Wellhausen, Stade und selbst Strack vertreten. J. jedoch läßt die allgemeine kritische Methode aus dem Spiele, und seine Auseinandersetzung gilt allein den radikalen Schulen (S. 54). Nim liegt die moderne Bibelwissenschaft von Jean Astruc an bis heute vorwiegend in der Hand von Nichtjuden. Dies hat zur Folge gehabt, daß die oft großen Sprach- und Literaturkenntnisse jüdischer Gelehrter dieser Wissenschaft nur selten zugute kamen. Schwer, aber umso verdienstvoller ist darum der Versuch Jampels, neue Wege zu gehen. Die Arbeiten von Geiger, Gratz, Hoff mann und Chajes haben manche Einzelheiten richtiggestellt. Jampel will mehr, er greift die Methoden selber an und sucht neue zu weisen. Möge ihm dies gelingen! 23*