Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Gesellschaft für Geschichte der Juden in der tschechoslowak. Republik [Nachricht]
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 331 (sequence 3)
- Language
- German
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831 bekannte Megillath Eba des berühmten Jom Tob Lippmann Heller in Seligmann Kischs Uebersetzung. Den Hauptinhalt des Jahrbuchs bilden jedoch zwei Monographien. Beide haben christliche Forscher zu Verfassern. Die eine Monographie führt den Titel: ,״D er Antisemitismus der Behörden und das Prager Ghetto in tiachweissenber-;g i s c h e r Z e i t“. Ihre Verfasser sind Dr. Jaroslav Prokes und Dr. Anton Blaschka. Die zweite stammt von Dr. Josef Bergt: _,,D as Exil der Prager Judenschaft von 1745 bis 174 8“. Diesen zwei Aufsätzen schließt sich hier in gewissem Sinne beleuchtend und -ergänzend ein dritter an :״Jüdisches Gemeindeleben in Kol in (1763 bis 1768)“ von Tobias Jacobovits. Die Abhandlung Bergls;ist eine Fortsetzung seines hervorragenden Artikels: ,,Die Ausweisung der Juden aus Prag im Jahre 1744“ in dem Buche der ,,Praga“: Die Juden .׳in Prag. Wie diese, so zeichnet sich auch die Abhandlung des Jahrbuchs nicht nur durch ihren wissenschaftlichen Ernst und ihre Genauigkeit aus, sondern auch durch die wohltuende Wärme, die jede Zeile durchströmt; man spürt ordentlich das Mitgefühl, das angesichts der Leiden der durch den grau- :samen, rücksichtslosen Erlaß Maria Theresias heimatlos und obdachlos gewordenen Juden die Feder Bergls führt, ohne daß diesem Mitgefühl die ge-;schiehtliche Objektivität zum Opfer fiele. — Von größtem Wert ist die außerordentlich gehaltvolle, nicht weniger als 222 Seiten des Jahrbuchs füllende Arbeit von P r 0 k e s und Blaschka. Dem Leser eröffnet sich hier ein weiter Blick in das Ghetto Prags vom 17. Jahrhundert, in dem 10—12 000 Menschen, d. h. über ein Viertel der Gesamtbevölkerung Prags, in engen, winkeligen, hygienisch fast unmöglichen Gäßchen zusammengepfercht leben und, vom Staate ununterbrochen ausgepreßt, von den Zünften ausgeschlossen, gezwungen sind, den christlichen Kaufleuten und Handwerkern auf Tod und Leben Konkurrenz zu machen. So werden diese unglückseligen Menschen von der einen Seite gehalten und mit Privilegien überschüttet, auf der anderen Seite gehaßt und verfolgt, zu Ruhelosigkeit verurteilt, zu einem düsteren, nur auf Gelderwerb lauernden Leben getrieben, das sie physisch und seelisch aufreibt. Hie und da, zumal nach den Verheerungen durch die Pest, die über 3000 Bewohner des Ghetto hingerafft hat, leuchtet aus dem Dunkel ein Lichtstrahl menschlichen Mitleids, humanen Verständnisses uns entgegen, das aber nur um so greller die fürchterlichen Zustände beleuchtet, unter denen diese Ghetto menschen zu leiden hatten. Wie natürlich, daß auch im Ghetto;selbst Friedlosigkeit ihr Zelt aufgeschlagen hat. Die Aufteilung der Kontribution und Steuern bringt Haß und Zwietracht, von denen uns auch J a c 0 ־ bovits in seinem Aufsalz über die Koliner Judenschaft ein treffliches Bild zeichnet. Die Jagd nach dem täglichen Brot sehen wir Formen annehmen, die uns mit Entsetzen erfüllen. Wie diese Aermsten der Armen die Land- :Straßen durchstreifen, um den Marktweibern ihre Waren abzuhandeln, um sie dann mit winzigem Aufschlag weiterzugeben; wie sie mit scheelen Augen jeden armen Zugereisten ansehen und froh sind, wenn er von der Behörde ausgewiesen wird. Hat die Liebe zur Familie, hat die tiefe Religiosität den Bedrängten allen Nöten gegenüber den so unerläßlichen seelischen und moralischen Halt gegeben? Hat die Liebe zur Thora sie alles ertragen und alles vergessen lassen? Darüber berichten uns Prokes und Blaschka nichts: die Archive, die über so vieles Aufschluß geben, schweigen darüber. Daß aber Prokes und Blaschka aus den vergilbten Blättern der Prager Archive uns auf den ersten Wurf so viel gegeben haben, verdient Anerkennung und Dank. Trotzalledem ist auch mancher Tadel gerade gegen Prokes und Blaschka berechtigt. Die Herren Verfasser sprechen oft von der Abneigung der Christen gegen die Juden, ,,die in ihrem Wesendem grundsätzlichen Unterschied der kulturellen, moralischen und gefühlsmäßigen Einstellung der sogenannten arischen und semitischen Rasse entspran g“1. So lesen wir auf S. 61: ,,Auch der nachweissenbergischen christlichen Gesellschaft war es klar, daß durch die Taufe der Jude keineswegs seine Rasseneigentümli chkeiten verliert, um derentwillen er vor allem verhaßt war“. ־ Dabei ist auf jeder Seite der Abhandlung ersichtlich, daß das eigentliche Haßmotiv auf der einen Seite die Konkurrenz, 1 Die hier und weiter wörtlich zitierten Stellen sind von mir unterstrichen.