Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Der Midrasch (Scheni ketuvim) von den Widersprüchen in der Bibel
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 287 (sequence 7)
- Language
- German
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287 Exegese. Kein Wunder, daß er in dieser Richtung unzählige Widersprüche und Ungereimtheiten entdecken konnte. Der nächste Widerspruch behandelt Jer 3322 und Ps 5521 und gibt dem Prediger Anlaß, das Gebot der Beschneidung gegen ketzerische Angriffe zu verteidigen. Ein Nachtreter Marcions, Diodor von Tarsus (s. Harnack, D. v. T., 127), fragt: Wenn der Schöpfer bei der Herstellung unseres Leibes nichts Ueberflüssiges und Mangelhaftes geschaffen hat, warum üben die Juden Circumcision? Warum wird die Circumcision von Christen nicht inehr geübt? Marcion verspottet die Beschneidung und sieht in ihr das widerlichste Stück unter den pusillitates und anstößigen Liebhabereien des^emiurgos1. Die in der Antwort gegebenen Anschauungen sind auch sonst gut belegt, u. z. a) die Juden haben das Gebot trotz Lebensgefahr und Verfolgungen befolgt2; b) die Welt ist wegen der Circumcision geschaffen3; c) die Beschneidung rettet vor den Quallen und Strafen der Hölle4. Damit schließen die Widersprüche in Jeremia, und der Sammler geht zum Buche Ezechiel über, u. z. Ez 110 und 1014; ferner Ez 3!2 und 23. Hier bringt der Verfasser einen Dialog zwischen einem הגמון und R. Gamaliel II. über die Allgegenwart Gottes, vgl. Midr. Psalmen, ed Buber 433. Die nächsten Schwierigkeiten sind: Ez 313 und lu; Ez 36, 37 und 203, Ez 57 und 1112, Ez 3481, Ps 1003. Der Redakteur stellt Jesaja C 1 nach Ezechiel und ergänzt die Worte Jeremias durch Jesaja. Da es sich meistens um Stellen handelt, die gegen Israel gerichtet sind und in der antijüdischen Polemik der Gnosis, und später auch der Kirche, eine ganz bedeutende Rolle spielten, so ist es nur selbstverständlich, daß sie hier katalogisiert werden, obwohl ohne Kommentar. Wir dürfen als Resultat unserer Untersuchung behaupten, daß die 4 Fragmente des Midrasch שני כתובים Bestandteile eines und desselben Werkes sind. Zweitens: die Behandlung der biblischen Widersprüche gehört zu den ältesten Bestandteilen der Agada ebenso wie der Halacha5. In der Agada wurde dieselbe besonders wichtig wegen der vielfachen Angriffe von Heiden und Gnostikern, die aus denselben ihre Waffen gegen die Lehren des JudÄLtums schmiedeten. Die Bewegung hatte zweierlei Tendenzen und Folgen. H Erstens bezweckte sie, das Judentum, seine Lehre und Bekenner in den Staub zu zerren, seine Ideale und Heiligtümer lächerlich zu machen, seine Bestrebungen und Hoffnungen zu vereiteln. Das jüdische Volk sollte, verachtet und verspottet von außen, auch im Innern zerfallen. Wie zu allen Zeiten so hat auch damals die Nichtachtung des Judentums in der Außenwelt das Verhältnis des Einzelnen zur Gesamtheit im Innern beeinflußt. Der Inhalt von Marcions und seiner Schüler- 1 V. Harnack, Marcion, S. 132, 152. 2 Siehe z. B. Mech. 104 b, b. Sabbat 130 a. Tr. Gerim I 1 u. a. m. 3 Vgl. Marmorstein, The Doctrine of Merits, S. v. circumcision im Register. 4 b. Erubin 19a, M. Ps 713, Tanhuma. Zu dem Schlußsatz vgl. Ex. r. 195, wonach Sünder nicht au! Grund des Bundes Zeichens von der Hölle verschont bleiben können, hingegen nach dem Fragment אינו דואה פני גהיינם אפי' הוא ואבותיו רשעים! 5 Vgl. A. Schwarz, Die hermeneutische Antinomie in der talmudischen Literatur. Wien 1913.