Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Der Midrasch (Scheni ketuvim) von den Widersprüchen in der Bibel
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 285 (sequence 5)
- Language
- German
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285 Grund der uns vorliegenden vier Fragmente urteilen dürfen, erklären, können. Fragment W. I beginnt mit der Genesis und der Mischna Hagiga II 1, die bestimmt gegen die Gnosis gerichtet ist1. Das Fragment behandelt ferner die Fragen der Minim an R. Simlai, die ganz recht dazu passen, denn die Minim des R. Simlai sind gewiß keine Christen, sondern Gnostiker. Neben R. Simlai wird R. Simon ben Gamaliel genannt, der noch der Tannaitenperiode angehört. Fragment W. II hebt den Widerspruch zwischen Ps 198 und Mal 322, an erster Stelle wird von תורת יי, an letzter von תורת משה gesprochen. Die Antwort geht auf eine tannaitische Quelle zurück, wie der Gebrauch von המקום statt הקב״ה noch unzweideutig lehrt. Der zweite Widerspruch behandelt *Ex 1249 (eine Lehre) und Dt 1421 (verschiedene Satzungen für den Fremdling etc.). Hier reiht sich eine Abhandlung über die Proselyten an, die amoräischen Ursprungs ist. Beachtenswert sind die Namen der Amoräer. Zum Widerspruch zwischen Jes 62 und Ez 16, vgl. auch b. Hag 13 b, und Marmorstein, Midrasch Chaseroth, London 1917, S. 65. Das Fragment schließt mit Ps 1058, Ex 206 und Ps 116u u. 1016, vgl. Midr. Psalmen 187, Jalkut Machiri 1812. Fragment Schechter beginnt mit Nr. 5 des Sifre Num (vgl. oben), behandelt Nr. 7 derselben Quelle und zitiert sich widersprechende Stellen, und zwar: Moses sieht Gott von Antlitz zu Antlitz, Ex 203, und Moses kann Gott nicht sehen, ebd. 3313, Gott erhört Israel, ebd. 314, Gott erhört nicht ihre Bitte, Dt 145. Er gewährt das Verlangen derjenigen, die ihn anrufen, und erhört sie nicht etc. Diese Widersprüche zeugen so richtig für den Geist der gnostischen Bibelkritik, die auch unter Juden, wie unter Christen, sich breit machte. Die Stelle steht im Midrasch Zutta zu Ruth 15 ed. Buber, S. 47; ein besserer Text liegt Jalkut Ruth, § 601 vor, auf welche Stellen Ginzberg nicht hingewiesen hat2. Im Sifre ist die Stelle nicht enthalten, wir sind daher berechtigt anzunehmen, daß der Verfasser des Midrasch Schene Ketubim den Midrasch zu Ruth benützte. Irenäus kann als Zeuge angeführt werden, daß die Gnostiker in ihrer Schriftexegese viel Aufsehens machten mit der Stelle, daß Moses Gott nicht sehen konnte. Irenäus sagt (gegen die Häresien I, 19x, vgl. Marmorstein, Religionsgeschichtliche Studien I, 59): ,,Ebenso soll das Wort des Moses: Niemand wird Gott schauen und leben“ mit einem Hinweis auf jenen (den unsichtbaren Vorvater!) enthalten. Im Laster-Katalog der Juden und ihrer Bibel werden die Widersprüche der Bibel und die pusillitates und inconstantiae Gottes besonders aufgezählt (vgl. Clem. Hom. 243, 338 ff.),. Kein Wunder, daß sie hier zusammengestellt sind. Nr. 5 bei Ginzberg ist ein alter Angriffspunkt der Häretiker. Wozu braucht Gott eine Wohnstätte? Wir finden die Frage in den Clementinischen Homilien, in den Fragen, die nach Harnack’s Darlegungen aus Marcion's Kreis stammen3. Hierauf folgen Unterredungen eines Min mit den Weisen, undeinDialog zwischenHadrian undR. J oschua b. Hananja. Die ersten Unterredungen hat uns auch der Redakteur 1 Vgl. Marmorstein, Les enseignements d* Akabia b. Mahalelel, REJ. 81, 1925, 181 ff. 2 Vgl. auch Marmorstein, Midrasch Haseroth, S. 60 und 66 f. 3 Marcion, Leipzig I S. 102.