Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 4
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 247 (sequence 4)
- Language
- German
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247 auf dem Schachbrett hin- und herschieben? Ohne triftigen Grund darf man den Namen des Autors nicht streichen oder leugnen. R. Jehuda und R. Nehemia — das gilt natürlich auch für alle Tannaiten und Amoräer, die im Buche Aptowitzers zitiert werden — waren keine Parteipolitiker der Hasmonäer oder Antihasmonäer, sie waren Bibelforscher und Lehrer der jüdischen Religion. Die Agada bespricht Aharons Biographie weder vom Standpunkte der einen, noch der andern Partei. Warum die Agadisten diesem Gegenstände soviel Wichtigkeit beilegten und soviel Aufmerksamkeit schenkten, ist aus zeitgeschichtlichen Motiven und ketzerischen Tendenzen, der nächsten Umgebung leicht erklärlich. Man muß nicht in die Makkabäerperiode zurückgehen, um dafür eine Erklärung zu finden. Ich verweise hier nur auf meine Abhandlung: ,,Eine alte liturgische Schwierigkeit“, Jeschurun, XII (1925) 198—211, und meinen Artikel ,,Aaron“ in der Neuen Enzykl. I s. v., wo ich die Beweggründe skizziert habe. Es würde zu weit führen, jeden einzelnen Punkt des Buches anzuführen, um meine gegenteilige Ansicht und Stellung zu den darin erwähnten Problemen und Anschauungen hervorzuheben. Einiges muß jedoch, mehr im allgemeinen als in Details, erwähnt werden. Die geschlechtlichen Vergehungen der Patriarchen etc. haben mit Parteipolitfk nichts zu schaffen. Die Bibel hat diese wahrlich wenig erbaulichen Geschichten erwähnt. Feinde der Bibel und mit der allgemeinen Richtung des religiösen Lebens unzufriedene Elemente haben diese Kapitel der Schrift für ihre unsauberen Zwecke verwenden wollen. Eine Apologetik war unbedingt notwendig. Die Datierung der sogenannten Zadokite Fragments (S. 25) ist gewiß zu früh1. Die Sünden Davids wurden ebenso wie die Aharons von mehreren Parteien aufgegriffen. Die Agadoth (S. 28) stammen aus dem dritten Jahrhundert. Wer dachte damals an längst abgelebte has. Parteipolitik? In einer Zeit, in welcher die Prediger mit ganz anderen Sorgen den Kopf voll hatten. Kein Mensch auf Erden kann beweisen, daß R. Abbab. Kahana oder R. Samuel b. Isaak hasmonäerfreundliche oder -feindliche Politik vertraten oder überlieferten. Man würde den ganzen Wissenszweig der Agada diskreditieren, wenn man Aptowitzers Deutungen der Texte und ihre Anwendung mit Stillschweigen übergehen würde. Die Wissenschaft des Judentums leidet an Kritiklosigkeit. Es würde sich nicht lohnen, die Arbeit eines Journalisten ausführlich zu besprechen. Aber Prof. Aptowitzer beherrscht den Stoff vollkommen und ist bei seiner allgemein gepriesenen Gelehrsamkeit und bei seinem bewundernswerten Sammelfleiß gewiß berufen, als Führer auf diesem Gebiete zu dienen. Umsomehr ist es hier Pflicht, eine Warnung gegen dieses Buch — in aller Hochachtung und Anerkennung seiner Verdienste — zu äußern. Es mag wohl sein, daß Agadoth (S. 24) über David und Abigail (pal. Sanh 2013, Midr. Sam zu 231s) und! Davids Lehrtätigkeit (b. Ber. 4a) zusammengehören; die erstere enthält die Anklage Davids, die zweite stellt seine Verteidigung dar; von hasm. Parteipolitik kann dabei keine Rede sein. Ich kann weder in der einen eine hasmonäische, noch in der andern eine antihasmonäische Dichtung sehen, sondern in der einen eine Verunglimpfung Davids seitens der Gnostiker und in der andern eine Verteidigung Davids seitens der Agadisten. Markionitische Bibelkritik und gnostischer Judenhaß haben solche Verheerungen unter den Juden wie Christen angestiftet, daß Rabbinen wie Kirchenväter sich gezwungen fühlten, die Fehler der biblisehen Heroen zu verdecken. Ich sehe z. B. in folgendem Satze einen gnostischen Angriff : ואין אחד מהם שיסתכל ויאמר מה ראו אנשי דור המבול שנשתטפו במים, רמה ראו אנשי מגדול שנתפזרו מסוף העולם ועד סופו; ומד. ראו אנשי סדום ועמודה להשתטף באש ובגהרית. ומה ראה אהרון ליטול הכהונה ומה ראהרוד ליטול את המלכות (SifreDeut § 306, vgl. auch Midr. Tannaim ed Hoffmann, wo der Text besser erhalten ist]) Wird jemand behaupten, daß hier Hasmonäer und Antihasmonäer politische Lieder singen? Wird man hier auch Interpolationen annehmen, wie Verf. es in den Testamenten vorschlägt? Wir wissen ja ganz genau, daß hier die Agada eine der beliebtesten Antithesen Markions beinahe wörtlich wiederholt, um sie zurückzuweisenI Dasselbe läßt sich erweisen oder mit Recht vermuten in der Mehrheit der Agadoth, die Verf. für seine Parteipolitik angeführt hat. Im selben Geiste sind die Agadoth abgefaßt, die Verf. über Salomon anführt. Welches Interesse hätte ein später Agadist den weisen 1 Vgl. jetzt auch G. Hölscher, Zur Frage nach Alter und Herkunft der sogen. Damaskusschrift in ZfNW. 28, 1929, 21—46.