Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Aus ostjüdischer Geschichte [Rezension]
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 183 (sequence 7)
- Language
- German
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183 bei seinen Glaubensgenossen in Rußland angesichts des Schmerzes der österreichischen Judenschaft ob der erstmaligen jüdischen Rekrutenaushebung gerügt habe. Zur Historizität dieser Ueberlieferung s. Hameaßef 1789, S. 253 ff. Den Maskilim macht er zum Vorwurf (I 37), daß sie ihre Reformpläne mit größerer Ruhe und Ueberlegung, in jüdischem Geiste, in Rücksicht auf die russischen Verhältnisse, jedoch nicht mit Hilfe des schrecklichen Zarismus und als dessen Vertraute hätten verwirklichen sollen. Sein Standpunkt hat inzwischen vor dem ,Forum der jüdischen Geschichte eine glänzende Rechtfertigung gefunden, obwohl die Historiker des Ostens nichts weniger als Parteigänger Lipschitzens sind, vgl. Dubnow, Die neueste Geschichte des jüdischen Volkes II 248 f., Meisl, Geschichte der Juden in Polen und Rußland III 225 ff. Hierher gehört ,,Auf rauhem Wege, Jugenderinnerungen eines deutschen Professors“, Gießen 1927. Dieser Weg führte den 1868 geborenen Abraham (Mark) Lidzbarski aus dem Plotzker (Weichsel) Ghetto in das Posener Gymnasium. Von guten Kennern der damaligen Posener Verhältnisse ist gegenüber der Objektivität der Darstellung der dortigen Zustände manche Ablehnung erfolgt (Posener Heimatblätter, Berlin 1928, Nr. 11, Jüdisches Wochenblatt 1928, S. 297), ebenso seitens kenntnisreicher Beurteiler angesichts der Stellungnahme des Verfassers zu jüdisch - religiösen Dingen (Der Morgen 1928, Nr. 3; Jüdisch-liberale Zeitung 1928, Nr. 41). Hier interessiert hauptsächlich das ostjüdische Milieu der 70er und 80er Jahre in Plotzk, das mit Worten charakterisiert wird wie ,,tiefe Barbarei“ (Umschlag des Buches), erfüllt ,,von den öden Gesetzeserörterungen“, ,,in einer fernen überlebten Vergangenheit“ vegetierend (S. 49, 136), in welchem man ,,in die Knifflichkeiten des Talmuds eingeführt“ wird (S. 6), eine Frage ,,spitz erörtert wird“ (S. 13); ,,der Lehrer suchte einen Widerspruch im Talmud durch spitzfindige Drehereien und Tifteleien wegzudeuteln“ (S. 118). ,,Die Geister wählen besonders unreine Stätten zu ihrem Sitze. Daher galt es als gefährlich, nach Sonnenuntergang den Abort aufzusuchen“ (S. 80). ,,Aber natürlich gab es nur wenige, die sich dadurch (durch das Verbot der Entweihung des göttlichen Namens) von Gaunereien (gegen Christen) abhalten ließen. Gewuchert wurde allgemein“ (S. 95). Sehen wir mit den Augen wirklicher Geschichte das Bild des Plotzker Ghettos, so finden wir dort bereits um 1789 einen hebräischen Grammatiker (Steinschneider, Catal. Bodlej, S. 1520), bereits 1786 einen Arzt (אד״״ע 11 נודע ביהודה Nr. 64), bereits 1789 einen Prediger, der religionsphilosophisch interessiert war (אמונות ודעות, Berlin 1789, Subskr.), bereits in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts die Kinder eines Plotzkers als Mäzene und Förderer des R. Jomtow Lipmann Heller, der auch als Mathematiker, Philosoph, Linguist und Stilist anerkannt ist (Brann, Gesch.d. J. in Schles., TI. VII, Korrekturabzug Breslau o. J., Jewish Encycl. VI 342). Sie waren ,,königliche Zollbeamte, mit der Vollmacht, die Beamten der Zollkammern ein- und abzusetzen“ (Deutsche Blätter in Polen IV 201). 1800 wirkte R. Juda Löb Margolies, ein ,,auctor celeber“, der Sprachwissenschaft, Stilistik, Naturkunde, Ethik, Massora, Mathematik, Poesie und wahren Gottesdienst behandelt und sich ernsthaft mit Mendelssohn beschäftigt hat