Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die literarische Form der Patriarchenbiographien des Philon von Alexandrien
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 12)
- Language
- German
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154 Besonders gilt aies von Teil B IV sowie von Teil B I Buch 1, §§ 96 bis 146 und §§ 165—299. In BI sind für Philon offensichtlich die schlichten Reisearetalogien literarisches Vorbild, jene volkstümlichen Legenden, für welche eine Reise durch einsame, menschenleere Gegenden, z. B. Wüsten, den roten Faden darstellt, an dem kunstlos Wunder an Wunder in endloser Fülle aneinandergereiht wird. Eine willkommene Abwechslung bringt Philon in die eintönige Wundererzählung dadurch herein, daß er in Teil B I die Wunder chronologisch, in Teil B IV sachlich anordnet. Unsere Vita ist in der biographischen Literatur vor allem deswegen bedeutungsvoll, weil Philon es hier mit bewunderungswürdigem Geschick verstanden hat, eine Biographie übernatürliehen Aufstiegs zu schaffen, trotzdem das Leben des Moses in seinem chronologischen Verlauf keineswegs ein beständiges Emporsteigen zu höheren Stufen, sondern vielmehr ein Nachlassen während des Greisenalters zeigt. Philon weiß noch nichts von dem späteren Ausweg der christlichen Legenden, das Abebben des Lebens der Mönchsheiligen durch immer zahlreichere Wunder auszugleichen Dafür hilft er sich dadurch, daß er in sachlichen Rubriken zuerst, niedere und rein natürliche, dann immer höhere und übernatürlichere Betätigungsarten des Moses behandelt. Dagegen versucht er es bereits, die Todeszeit des Helden durch übernatürlichen Wunderglanz auszuschmücken und hervorzuheben, während die Mönchslegenden erst nach längeren Irrwegen diesen genialen Kunstgriff neu erfanden. Nach der Absicht Phiions sollten in den Viten Abrahams und Josephs die Helden nicht so sehr als individuelle Persönlichkeiten, sondern hauptsächlich als Verkörperungen philosophischer Begriffe gewürdigt werden, zumal da ja diese Schriften ausschließlich zur religiösen Erbauung jüdischer Leser bestimmt waren. In der für Griechen geschriebenen Vita des Moses hingegen war es nötig, zur Aufklärung der heidnischen Leser, die kaum die dürftigsten Kenntnisse in der israelitischen Geschichte besaßen, die historisch-biographischen Berichte in den Mittelpunkt zu stellen und eine zwar idealisierte, doch echte Gestalt von Fleisch und Blut zu zeichnen. Doch in Wirklichkeit besteht zwischen den beiden Gruppen von Biographien kein solch scharfer Unterschied. Besonders die Vita Josephs ist zu einem großen Teile eine 110116^¥1ץ lebendige Biographie, schon weil Philon sich scheute, die Tatsachen der hl. Schrift zu verwischen. Umgekehrt lag es für ihn in der Mosesvita sehr nahe, seine heidnisch-griechischen Leser nicht bloß historisch zu unterrichten, sondern auch durch apologetische Belehrungen für das Judentum zu gewinnen oder wenigstens von falschen Vorurteilen zu heilen. So nehmen hier in B II die kultischen Belehrungen einen sehr breiten Raum ein. Der lehrhafte Charakter dieser Abschnitte wird noch durch die sich anschließenden breiten allegorischen Darlegungen verstärkt: Buch 2, §§ 79—84, 88, 96, 98—108, 115, 117—135, 139—140, also 41 Paragraphen. Hier will Philon nachweisen, daß Moses durch die Einrichtungsgegenstände des Tempels sowie durch die priesterliche Kleidung die tiefsinnigsten philosophisch-religiösen Gedanken der