Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die geistige Gestalt Moses Mendelssohns
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 11)
- Language
- German
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91 als die Identität des durch Denken zu Gewinnenden und aus Offenbarung Gegebenen zu zeigen. Die moderne Philosophie war davon ziemlich abgekommen: die Religion hatte ihr Recht an der Vernunft zu beglaubigen, und für die Philosophie, wo sie nicht zur absoluten Religionskritik, die der Religion jedes Recht bestritt, wurde, handelte es sich darum, das Faktum der Religion und der religiösen Offenbarung zu begreifen und einzuordnen, ohne dabei das ungehinderte Recht des Denkens anzugreifen. Mendelssohn läßt das Religiöse viel selbständiger. Die Definition des Judentums als durch ,,Offenbarung“ gegebenes ,,Gesetz“ begreift den Inhalt der jüdischen Religion oder mindestens einen Teil dieses Inhalts als rational nicht ableitbar, als nur aus der Tatsache der Offenbarung zu verstehen und diese Offenbarung selbst wieder bleibt als einmaliges ,,historisches“ Faktum natürlich vernünftig nicht zu begründen. Hier ist der Punkt, wo Hamann glaubte, den Pferdefuß des Stockjudentums zu sehen, und gewiß tritt hier — trotz aller Vermittlungsversuche, die in diesem Zusammenhang nicht einmal angedeutet werden können — an der entscheidenden Stelle der Mendelssohnschen Darlegungen ein Bruch zutage. ‘Die Tatsache der Offenbarung und ein Teil der in ihr gegebenen ״Gesetze“ bleiben außerhalb aller philosophischen Begründung. Im Kommentar zum Pentateuch zeigt sich das im einzelnen und noch stärker betont. Der Gedanke eines ״Gesetzes“ nur göttlichen Ursprungs aber unterwirft den Menschen einem Zwang, der keine ״vernünftige“ Erklärung zuläßt und schränkt so die freie Selbstbestimmung der Vernunft ein. Auch Jacobi hat gespürt, daß hier etwas nicht stimmt und spricht davon, daß der ״Jerusalem“ über diese Stellen wie über glühende Kohlen, hinweg eilt; und nicht minder interessant ist, daß Mendelssohn in einem Brief an Lessing erklärt, die Rolle, die dieser der Offenbarung in seiner ״Erziehung des Menschengeschlechts“ zuweise, nicht verstehen zu können. Wenn Mendelssohn in Briefen sich geäußert hat, daß er zwar fest von der absoluten Uebereinstimmung seiner Religion mit der Vernunft überzeugt sei, daß er aber auch nichts von ihr auf geben würde, wenn ihm irgendwo das Gegenteil bewiesen würde, so ist das mehr als eine private Aeußerung und gewiß in philosophische Ueberzeugungen hinreichend. Es scheint bei einem Versuch, die geistige Gestalt Mendelssohns aufzuzeigen, überflüssig und falsch, auf das Leben des Mannes zu verweisen und auf die Art, wie in ihm die Kräfte sich aus wirkten, die sein Denken, wie es scheint, vergeblich zusammenzubinden versuchte. Denn das ließ sich doch wohl zeigen, und es kann nur versichert werden, daß eine eingehende Analyse der Mendelssohnschen Schriften es bestätigt, daß eine letzte Einheit der geistigen Tendenzen in Mendelssohns Werk streng genommen nicht besteht. Auch die Möglichkeit, die aufgewiesenen Gegensätze innerhalb der philosophischen Anschauung auszugleichen und als Stufen eines Entwicklungsganges zu verstehen, ist nicht da, denn gleichzeitig stehen sich Aeußerungen ganz verschiedener Art, ganz verschiedener Richtung entgegen. Und für die Religion wird der Anspruch auf philosophische Durchdringung und restlose Begründung zwar erhoben, aber tatsächlich nicht durchgeführt: sie bleibt ein Bereich, demgegenüber die philosophische