Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die geistige Gestalt Moses Mendelssohns
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 12)
- Language
- German
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92 Begründung zurückbleibt, mag man auch glauben, daß dieses Versagen gegenüber der von den eigenen Grundlagen erhobenen Förderung in der Sache begründet ist. Aber bei Mendelssohn muß der Rückgang auf die Person doch gemacht werden. Es gibt Berichte über ihn, so den bekannten aus den Erinnerungen der Henriette Herz, die Voll des Erstaunens sind, wie dieser Mann so aufgeklärt und human und doch zugleich so fest an den Bräuchen seiner Religion halten konnte. Man mag meinen, daß so die Problematik nur oberflächlich gesehen ist; aber darauf kommt es hier nicht an. Wichtig ist, daß in all diesen Berichten immer darauf hingewiesen wird, daß das, was von ihnen als unvereinbar empfunden wurde, von Mendelssohn in einer selbstverständlich-maiven Sicherheit zusammengebracht war, die ihn im Denken und im Leben keinen Zwiespalt empfinden ließ, wo andere einen sahen oder wo auch wirklich im Theoretischen einer blieb. Man darf nicht dabei stehen bleiben, die Uneinheitlichkeit des Mendelssohnschen Denkbildes aufzuzeigen. Man muß auf das Gesinnungs- und Gefühlsmäßige zurückgehen, in dessen einheitlicher Haltung diese Unstimmigkeiten sich auf heben und verschwinden. Hamanns Charakteristik gilt einigermaßen auch für Mendelssohns Leben: er hat das jüdische und das philosophische Leben auseinandergehalten und hat in beiden Anschauungen und Bewertungen parat gehalten, die er nicht durcheinandergeworfen hat. Aber sein Gesamtdasein ist deswegen nicht auseinandergefallen; wenn man paradox sein will, könnte man sagen, weil er beides nicht vereinigt hat, hat er es zusammengebracht — in der ihm selbstverständlichen Ueberzeugung, daß beides nebeneinander stehen kann. Auf diese Ueberzeugung muß man schon deshalb zurückgehen, um Mendelssohns Wirkung wirklich verstehen zu können. Sie kommt kaum aus der Denkleistung. Das überlieferte Mendelssohnsbild, von dem wir zu Anfang sprachen, ist nicht ohne Grund in seiner Art entstanden und weitergegeben worden. Gewirkt hat, jenseits aller Theorien und einzelnen Standpunkte, die Persönlichkeit mit der Vornehmheit und Abgeklärtheit ihrer Gesinnung, der einheitliche Ton, der alle Aeußerungen begleitete, viel mehr als der Gedanke selbst. Mendelssohn hat nicht das Judentum mit philosophischen Kategorien begründet, die er aus seiner philosophischen Grundhaltung genommen hätte. Aber tatsächlich ist auch das nicht das Argument gewesen, das Juden und Christen, wo die Judenfrage zur Diskussion stand, von ihm entlehnt hätten. Der Hinweis auf Mendelssohn ging nicht auf seine Theorie, sondern auf ihn selbst, auf das Faktum seiner Existenz, auf die bloße Tatsache, daß einer Philosoph und Jude zugleich war, daß er als beides anerkannt war und in der Sicherheit wurzelte, beides gleichzeitig sein zu können. Damit ist das überlieferte Mendelssohnbild, das uns anfangs ungenügend und oberflächlich schien, rehabilitiert. Was in Mendelssohns Denken auseinanderstrebte oder nicht zueinander kam, war nie oder bleibt schließlich doch nicht in dieser Vereinzelung: es kommt, bei aller theoretischen Verschiedenheit, aus einem einheitliehen Urgrund der Gesinnung und läuft auf ihn wieder hinaus.