Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die geistige Gestalt Moses Mendelssohns
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 10)
- Language
- German
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90 der anderen der ,,Jude“ spreche. (Hamann, dem Gegner verstandesmäßiger Helle, dem Enthusiasten des dunklen Gefühls, und Hamann, dem Christen, war beides gleich zuwider.) Selbst wenn man Hamanns begreifliche Animosität in Rechnung stellt, an seiner Kritik des ״Jerusalem“ ist etwas daran. Tatsächlich hat die Charakterisierung des Judentums, das heißt der jüdischen ״Religion“ — aber so zu sagen, widerspräche der Terminologie des Jerusalem —, die in seinem zweiten Teil gegeben wird, nicht die dem ersten Teil zugrunde liegenden philosophischen Anschauungen Mendelssohns zur Voraussetzung. Nun stimmen diese allerdings nicht mit denen überein, die wir bisher kennen lernten. Denn kompakt und massig läuft noch. eine andere Anschauung durch Mendelssohns Werk: der charakteristische Rationalismus der Aufklärung, der die Bestimmung des Menschen ins Denken setzt, jene Haltung, von der schon gesprochen wurde, die Mendelssohn allerdings in seinen besten Leistungen zurückläßt, die alles am Verständigen mißt, für die Vernünftigkeit das Kriterium aller Dinge ist. Mendelssohn ist von dieser Auffassung, die als die eigentlich aufklärerische gelten kann, ausgegangen, und er hat sie nie auf gegeben, und wo er darüber hinausreicht, da nie mit dem Bewußtsein, das berechtigt gewesen wäre, sich wirklich von ihr grundlegend entfernt zu haben. Diese also ist auch, und zwar ungebrochen und rein, die philosophische Anschauung, auf der die Argumentationen des ersten Teils des ״Jerusalem“ beruhen. Hier wird eine Staats- und Gesellschaftstheorie entwickelt, dem Staat und der Kirche die gegenseitigen Grenzen ihrer Macht und ihres Einflusses bestimmt. Und im zweiten Teil wird dann die philosophische Fassung des Judentums gegeben. Mendelssohn ist immer und überall der Meinung gewesen, daß die jüdische Religion philosophisch dargestellt und bewiesen werden könne. Er war überzeugt, daß die Wahrheiten seiner Religion mit denen der Philosophie übereinstimmten, und daß, wenn überhaupt eine geoffenbarte Religion mit der ״allgemeinen Religion“, der ״Vernunftreligion“ übereinstimmen könne, es die jüdische wäre. Er hat diese Ueberzeugung oft bekannt und immer dann ausgesprochen, wo man ihn unter Hinweis auf seine philosophische Position aufforderte, in seiner Stellung zu seiner Religion aus ihr die Konsequenzen zu ziehen. Und er hat, wo er einer gewissen Diskretion und der Unmöglichkeit plumpen Mißverstehens sicher war, diese Ueberzeugung dahin präzisiert, daß die christliche Religion sehr viel weniger fähig sei, diese Harmonie mit der Philosophie einzugehen. Und tatsächlich bestand kaum eine Schwierigkeit,י die drei Ideen: Gott, Freiheit und Unsterblichkeit (die drei Ideen der Vernunftreligion), in der jüdischen Religion wiederzufinden. Aber die Definition, die er dann vom Judentum gibt, erschöpft sich darin.nicht und konnte sich auch darin nicht erschöpfen. Und hier wird dann tatsächlich ein Tatbestand auf ge wiesen und als Grundlegung des Judentums angesehen, der außerhalb jeder philosophischen Begründung bleibt. . Für die mittelalterliche Philosophie steht die völlige Gleichberechtigung von Philösophie und Offenbarung außer Frage, und es handelt sich bei ihrem philosophischen Bemühen um nichts anderes,