Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die geistige Gestalt Moses Mendelssohns
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 8)
- Language
- German
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88 wissenschaftlichen Denken und dem Unbewußten als undeutlich und unklar Bewußtes bestimmt. Baumgarteu, Wolfs Schüler, hatte als erster den Gedanken einer Wissenschaft vom Schönen gefaßt, aber in der Ausführung dieser Wissenschaft ihre Selbständigkeit durch die zu enge Verbindung der ästhetischen Erscheinungen mit logischen illusorisch gemacht. Mendelssohns frühe Schrift aus dem Jahre 1755 ,,Ueber die Empfindungen'‘ ist das Programm — nicht mehr — einer Auffassung, die erst die späteren Schriften aus führen. Die Empfindung des Schönen soll definiert, Wesen und Grund des ästhetischen Vergnügens aufgedeckt werden. Aus Anschauungen, die noch ganz im Banne der Schulauffassung stehen, arbeitet Mendelssohn immer schärfer und bestimmter einen Begriff der Schönheit und ihr entsprechend einen Begriff des Empfindens der Schönheit heraus, der gewiß ,,abstrakt" ist, weil er das ,,Sinngebiet" des Schönen deutlich von anderen Bereichen und Tätigkeiten des menschlichen Geistes abtrennt, der aber nur so unverderbt das eigene Wesen des Künstlerischen bestimmen kann. Die mannigfachen Antriebe und auch Umwege, die Inkonsequenzen und Rückfälle, die dieser Standpunkt erfährt, können hier nicht einmal angedeutet werden. Hier ist nur das Ergebnis dieser Gedankenentwicklung festzuhalten: die starke Betonung eines spezifisch Aesthetischen, das im Fühlen und Empfinden existiert und erfaßt wird, grenzt nach ,,oben" stark gegen das Denken, nach ,,unten" gegen das Wollen ab. Denken, Fühlen und Wollen stehen ihrer Art nach selbständig nebeneinander. Wichtigste Folgerungen für die ästhetische ,,Praxis" und Einsichten, aus dieser in theoretische Festlegungen übernommen, spielen in solchen Darlegungen, die die Eigengesetzlichkeit des Aesthetischen und damit die der anderen Geistesfähigkeiten aussprechen, ineinander. ,,Die Schaubühne hat ihre eigene Sittlichkeit", ,,theatralische Sittlichkeit" ist kein moralisches Gutsein, das ethisch Verwerfliche ist schön, wenn es in der heftigen Leidenschaft seinen Grund hat urid so in das Empfinden wirkt, und das sittlich Gute ist an sich nicht ästhetisch reizvoll. ,,Die Dichtkunst als schöne Kunst", so heißt es als Beschluß einer Kritik, ,,hat eine ganz andere Ideal- Schönheit als die sittliche Vollkommenheit der Charaktere". Und überbetont in der Wertung des Sinnlichen gegenüber dem Denken, also ganz und gar unaufklärerisch: ,,Die Dichtkunst ist die erhabenste, weil sie die mehrsten Seelenkräfte im Sinnlichen beschäftigt". Es könnten Aeußerungen angeführt werden, wo Mendelssohn sich des Unterschiedes zwischen (ästhetisch) Fühlen und Wollen ganz klar ist und erkennt, daß das Interesse an dem Gegenstand, das das Wollen als Begehren definiert, beim Schönen nicht stattfindet, nicht stattfinden darf. Solche Gedankengänge, die in dem Satz aus der Abhandlung über die Evidenz gipfeln: ,,Eine jede Erkenntnisart hat ihren Wert", sind allerdings als Abstraktionsphilosophie unter einem bestimmten Gesichtspunkt richtig gekennzeichnet, der Aufklärungsphilosophie in Wolfscher Art gehören sie nicht mehr an. Noch unter einem anderen Gesichtspunkt führen Mendelssohns philosophische Gedankengänge aus der ,,Aufklärung" heraus. Die Einsicht in die Eigenart״ des Sinnlichen und seine Unableitbarkeit gegenüber Denken und Wollen führte, wie wir sahen, zu dem Ge-