Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1929-01-01 · Heft 3 · p. Seite 86

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
73 (1929)
Issue
Heft 3
Article
Die geistige Gestalt Moses Mendelssohns
Date
1929-01-01
Page
Seite 86 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2829132-2829959-2829962-2835243--48922-2835283
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

86 soll mehr sein, als bloß ,,angelernte“ philosophische Methode; er sieht es in dem geistigen Habitus des Mannes überhaupt begründet, dem auch die zwei Urgründe Philosophie und Religion nie eins gewesen sind, dessen Denken und Leben immer in der Zweiheit gefangen blieb, die sein Schicksal war: ,,Rationalist und Sophist“ auf der einen Seite, ,,Stockjude“ auf der anderen. Ich glaube nun, daß tatsächlich an dieser Hamannschen Charakteristik etwas bleibt: man muß sie nur aus dem besonderen Gesichtspunkt Hamanns herauslösen, dann kann sie mindestens als Ansatzpunkt verwendet werden. Hamann charakterisiert Mendelssohn als den ,,Aufklärer“ schlechthin. — Die Anfänge der deutschen Aufklärung liegen zweifeilos viel mehr bei Leibniz als bei Locke. Es bestätigt sich hier die in der Geschichte des Geistes so oft gemachte Beobachtung: wie leicht Verschiebungen der Nuancen die Ursache zu geistigen Veränderungen in einem Ausmaß werden, das im Ursprung nicht geahnt werden kann. Denn tatsächlich liegen trotz aller materialen Entlehnungen zwischen der Denkweise des Leibniz und der der eigentlichen Aufklärung Welten. Leibniz׳ Philosophie gehört in die Reihe der genialen Versuche, die die Philosophie immer wieder unternommen hat, die Gesamtheit aller Dinge in ein System so zu fassen, daß sie als Erscheinungen eines Urwesens zu begreifen sind. Gerade Leibniz ist dabei der letzte, der die Individualität und Mannigfaltigkeit der Weltdinge übersieht oder vernachlässigt, im Gegenteil: bei ihm beginnt das moderne Individualproblem. Aber die umfassende Anwendung des Kontinuitätsgedankens durch die Uebernahme des mathematischen •Kontinuums in die allgemeine Philosophie macht es ihm möglich, alle Verschiedenheit, bei aller Anerkennung ihres eigentümlichen Wesens, in graduelle Abstufungen aufzulösen und im Einfachsten und Kompliziertesten Erscheinungsformen eines einheitlichen Wesens und Wirkungen einer Tätigkeit zu sehen; alle Totalitätssysteme haben sich auf Leibniz berufen können. Wie oft in der Geschichte der Philosophie, wie zuletzt vor ihm und mit ihm bei Spinoza, ist ihm die Mathematik das Vorbild im Formalen und im Materialen gewesen; die Stoßkraft des reinen Denkens treibt seinen Willen zum System. Nur wo Denken ist, kann das Denken hindringen, und so weitet sich der Begriff der ratio so, daß alle Funktionen, auch Fühlen und Wollen unter ihn befaßt werden können, und selbst das anorganische Leben noch als unbewußte Denktätigkeit gilt. Aus diesem Hochgefühl des Logikers in Leibniz nimmt die Aufklärung allen Elan, den sie gehabt hat; ihr ganzes rationalistisches Pathos kommt hierher und zieht aus Leibniz immer von neuem die Wurzeln seiner Kraft. Aber zu etwas anderem führt nun nach Leibniz, in der eigentlichen Aufklärungsphilosophie, dieser Anspruch auf durchgängige Beherrschung des Wirklichen durch das Denken. Mit dem Augenblick, in dem die metaphysische Grundlage : die Identität alles Wirklichen und ihre identische Abspiegelung in der Monade verloren gegangen war, von Wolf ab war aus der Universalität logisch-formalistischer Zwang geworden, der die Wirklichkeit in das Prokrustesbett der Begrifflichkeit zwingt. In dem Augenblick, in dem das Denken im ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.