Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die geistige Gestalt Moses Mendelssohns
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 85 (sequence 5)
- Language
- German
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85 Hamanns bespricht, bleibt ein reger Verkehr in Briefen, in Kritiken, in Streitschriften, in zwei Hälften geteilt durch Mendelssohns Besuch bei Hamann in Königsberg. Es gibt, wie gesagt, nichts Gegensätzlicheres als diese zwei. Schon im Stil: Mendelssohns Stil ist ruhig, fließend, durchsichtig, maßhaltend, selbst im Ausbruch des Gefühls und der Leidenschaft noch gepflegt, Hamanns Stil brausend, gärend, dunkel bis zur Un- Verständlichkeit, verliebt in das Wort und mehr noch in die Geheimnisse des Worts — den ,,Magus des Nordens“ hat Moser Hamann genannt. Mendelssohn hat den krausen, sprunghaften, vieldeutigen Stil Hamanns beschrieben, wenn man so sagen darf, und kritisiert. Es ist gewiß, daß die Kräfte, die dahinter steckten, aus denen dieser Stil organisch wuchs, ihm unverständlich bleiben mußten und ihm ganz als Preziösentum und Effekthascherei erschien, was nur zum geringsten Teil solches war. Aber Hamann hat mit der Haßliebe dessen, der sich zu dem Gegenstand seines Hasses immer wieder hingezogen fühlt, das ,,Problem“ Mendelssohn ernst genommen, er ist ihm nachgegangen, und so sind denn diese Beziehungen, die über alle Verstimmungen hinweg bis zum Erscheinen des ,,Jerusalem“ und der Hamannschen Schmähschrift gegen ihn aufrechterhalten blieben, die Ursache aufschlußreicher Schriften. Dabei ist es rührend zu sehen und zugleich etwas komisch, mit welch ernster und unangebrachter Objektivität Mendelssohn alle Galligkeiten und Faxereien des boshaften Hamann ernst nimmt, und mit welcher Satanhaftigkeit, die Mendelssohns Naivität nicht bemerkt, Hamann auf Mendelssohns mühsamen Distinktionen seine Bocksprünge aufführt. Dieser Hamann, ungebärdig und explosiv, ist der früheste Exponent der Geistesrichtungen, von denen die Aufklärung verschlungen wurde: Sturm und Drang und Romantik. In ,,Dichtung und Wahrheit“ hat Goethe als das Prinzip, auf das sich alle Aeußerungen Hamanns zurückführen lassen, den Satz bezeichnet: daß alles, was der Mensch zu leisten unternimmt, es werde nun durch Tat oder Wort oder sonst hervorgebracht, aus sämtlichen vereinigten Kräften entstehen müsse. Alles Vereinzelte ist verwerflich, Hamanns Motto ist das 7tdvza &e~ta xat dv#pd>7ü1va ndvza, die göttlich-menschliehe Einheit aller Dinge, die nichts Getrenntes kennt und die im Tiefsten und Höchsten zugleich und in gleicher Weise enthalten ist. Aus diesem Alleinheitsgefühl heraus hat Hamann die Aufklärung gehaßt wie Wasser das Feuer, und aus diesem Gefühl heraus hat er Mendelssohn als den Aufklärer par excelience bekämpft. Mendelssohn ist ihm der, dessen philosophische Bemühungen immer nur den Zweck haben, die Einheit des Menschlichen und Göttlichen zu zerreißen und jedem sein Gebiet, wo eines das andere nicht kennt und nicht stört, zu geben, der sich aber damit noch nicht genug sein läßt und auch die Einheit der menschlichen Tätigkeiten selbst noch weiter zerbricht und in Einzelleistungen und einzelne Verhaltungsweisen auflöst, die fremd nebeneinander stehen. Mendelssohn als Aufklärer ist für ihn der gefährliche Geist der Abstraktion, der nicht nur begrifflich teilt, dem auch die Teile seiner Abstraktion noch wirklich sind, und — dies ist das schwerste Geschütz unter den Hamannschen Vorwürfen — dieses Verhalten Mendelssohns