Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die geistige Gestalt Moses Mendelssohns
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 83 (sequence 3)
- Language
- German
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- Homer 1× ep/1025156
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83 gleitete, die Kuriosität der literarischen Erscheinung, von der Mendelssohn selbst deutlich beeinflußt ist, von deren Gefühlston er sich gern tragen ließ, die aber doch auch ihre Forderung über ihn mächtig machte und deren Gewalt er selbst, wie man aus einigen Briefen herauslesen kann, hemmend und schmerzlich empfunden hat. Das ,,juif ä Berlin“, das der französische Uebersetzer des Phädon auf den Titel setzte, und die Hamannsche ironisch gemeinte Apostrophierung Mendelssohns als ,,ästhetischer Moses“ zeigen die Blickrichtung, von der keiner loskommt. Alle Stellungnahme, die der Bewunderer und die der kritischer Eingestellten wird bestimmt von dem grenzenlosen Erstaunen über den Juden, der Judentum und Weltweisheit in sich vereint und der so ganz anders ist, als das bekannte Zerrbild des Juden, das durch Jahrhunderte weitergegeben, dem einfachen Mann und der Literatur geläufig war. Man braucht nur die Stimmen zu Lessings Schauspiel ,,Die Juden“ zu lesen, wo sonst ganz ernsthafte Männer das Stück nur deshalb und ohne weitere Prüfung verwerfen, weil es unmöglich sei, daß ein Jude edel handeln könne, um zu verstehen, daß niemand aus dem Staunen über den Juden herauskam, der sich in kürzester Zeit in die erste Reihe der Wortführer schöner Wissenschaften gestellt hatte, und man soll daran denken, daß Lessing diesem Einwurf nicht mit ,,sachlichen“ Gründen widersprach, sondern ihn für erledigt hielt, wenn er auf den einen, damals kaum bekannten, Mendelssohn hinwies. Für den ist dann kein Vergleich zu hoch und kein Bild zu erhaben. Die Zeitgenossen haben darauf verzichtet, das Denkbild Mendelssohn zu zergliedern, weil es ihnen bei ihm als einem Genie unmöglich schien: ,,Denn nichts ist schwerer zu bestimmen, als das Eigentümliche eines gewissen Geistes, besonders wenn dieser Geist ein Genie ist. Die Vollkommenheiten des Geistes sind Vollkommenheiten der Gedanken und diese zu bestimmen, heißt Ursprung und Entstehungsart der Gedanken zu bestimmen; das Genie aber legt diesen Ursprung nicht offen.“ (Garve.) Aber nie ist diese Genie-, Vollkommenheits- und Weisheitswürde für sich allein gedacht, sondern immer mit jenem Nebengedanken ausgesprochen, der am hübschesten vielleicht in der Stelle aus Vossens ,,Luise“ herauskommt: .... wir freun uns Alle, die Gutes getan nach Kraft imd redlicher Einsicht, Und die zu höherer Kraft vorleuchteten; freun uns mit Petrus, Moses, Konfuz und Homer, dem liebenden, und Zoroaster, Und, der für Wahrheit starb, mit Sokrates, auch mit dem edeln Mendelssohn! der hätte den Göttlichen nimmer gekreuzigt. So bleibt denn die Aufgabe, die geistige Gestalt Mendelssohns in der geforderten Weise zu bestimmen, uns gestellt. Vielleicht — die Möglichkeit besteht ja — rechtfertigt ihre Lösung das traditionelle Mendelssohnbild, das wesentlich aus persönlichen Momenten besteht, soweit, daß sie zeigt, daß Werk und Wirkung Mendelssohns nicht ganz Zusammengehen, daß für die Wirkung dieses Mannes die Einmaligkeit der Erscheinung und die Vornehmheit der Gesinnung als Erklärung genügt. Aber auch das müßte in Verfolg