Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die geistige Gestalt Moses Mendelssohns
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
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82 der biographischen Einzelheiten zeigt sich, daß man glaubt, die bedeutende Wirkung des Mannes wesentlich aus diesem Ge־־ sichtspunkt begreifen, aber auch sein Wesen von hier aus sehen zu können. Was die Wirkung angeht, so könnte man es verstehen, daß die Erinnerung an die geistige Leistung Mendelssohns in der nachfolgenden Zeit, deren Philosophen Kant und dann die spekulativen waren ünd deren Aesthetik etwa die klassische und dann die romantische war, schnell verschwunden ist. Und tatsächlich ist ja auch seine jüdische Leistung, die von keiner auf sie folgenden so schnell in den Schatten gestellt wurde, allein wirklich lebendig geblieben. Aber auch seine unmittelbaren Zeitgenossen haben, wo es sich um nicht Einzelheiten, sondern um die Gesamtwirkung handelte, von einer Ausnahme, von der noch zu sprechen sein wird, abgesehen, viel eher auf persönlich Menschliches und auf das Ethos seiner Geistigkeit reagiert als auf den Denker selbst und den Inhalt seiner Leistung. Die zeitgenössische Resonanz Mendelssohns ist bedeutend und zwischen Wolf und Kant stärker vielleicht, als die jedes anderen deutschen Schriftstellers gewesen, Lessing einbegriffen. Geht man nun dieses Schrifttum und .die Einzeläußerungen durch, die Mendelssohn hervorgerufen hat, so verblüfft immer wieder diese Tatsache, daß, wo nicht die Art der Stellungnahme: von vornherein persönlich ist, das Resümee der kritischen Bilanz schließlieh immer wieder in die Wendung zum Persönlichen einläuft. Kant und Schiller haben Mendelssohn gelesen und benutzt, und der intime Berliner Kreis, zu dem Mendelssohn gehörte, hat alle Probleme eingehend besprochen und untereinander geklärt, bevor sie gedruckt wurden, und weiter geführt, nachdem sie gedruckt waren. Aber bei dieser Diskussion mit den Berlinern geht es um eine Durchspräche der Probleme, bei der Entstehung und Wirkung der Gedanken noch untrennbar miteinander verbunden sind, und das Kantische Beispiel gerade zeigt, wie schnell auch hier das Bemühen um eine Kritik der Gedanken in die Würdigung der Person des Autors und seiner Gesinnung übergeht. Ueber Einzelheiten des Mendelssohnschen Werks hat es natürlich immer Auseinander- Setzungen gegeben, aber der Versuch, über der größeren allgemein anerkannten und geteilten Grundmeinung und hinter diesen Einzelheiten, den geistigen Ort der Gedanken Mendelssohns zu bestimmen, wird' kaum unternommen. Sieht man sich die Urteile der Zeitgenossen über Mendelssohn an, so muß man meinen, daß sie in den meisten Fällen für den sachlichen Gehalt der Mendelssohnschen Schriften kein Organ, zumindest kein Interesse gehabt haben. Daß es so gekommen ist, mag viele Gründe haben. Sicherlich hat dazu die lehrhafte Absicht beigetragen, die Mendelssohn selbst seinen Schriften gab, und damit zusammenhängend Form und Stil seiner Werke, bei denen der Ton und das Gefühl der Ueberzeugung meist stärker heraustrat und oft auch stärker heraustreten wollte, als der Ueberzeugungsgrund. Mendelssohn ist das, was Kant einen Weltphilosophen nannte* Aber nichts hat stärker die Art bestimmt, mit der Mendelssohns Schriften aufgenommen wurden, als eben die Legencle selbst, die vom ersten Augenblick an seine Arbeit be-