Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 73 (1929)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die geistige Gestalt Moses Mendelssohns
- Date
- 1929-01-01
- Page
- 81 (sequence 1)
- Language
- German
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Die geistige Gestalt Moses Mendelssohns.1 Von Fritz Bamberger. Moses Mendelssohns Werk und Leistung liegen auf verschiedenen Gebieten: er hat in der Geschichte der Philosophie seinen Platz, mit Sulzer ist er der prägnanteste Vertreter jener Aesthetik, die aus der Aufklärungsphilosophie heraus die klassische Aesthetik eines Kant und Schiller vorbereitete, mit Lessing stand er in der vordersten Reihe der maßgeblichen und tiefwirkenden Literaturkritik, als Stilist ist er seiner Zeit vorbildlich gewesen, und all das 'wirkt zusammen in einer weitgehenden, nicht auf ein einzelnes Gebiet beschränkten Wirkung auf das Allgemeinbewußtsein seiner Zeit überhaupt. Und neben dieser Vielheit von Betätigungen steht — gesonderter ■— Mendelssohns jüdische Leistung, so stark empfunden, daß man von ihm aus eine neue Epoche des Judentums beginnen läßt. Diese Vielheit der Richtungen, in die Mendelssohns Werk auseinandergeht, drängt die Frage nach dem Zusammenhang der verschiedenen Teilgebiete seines Schaffens auf. Das Problem von Mendelssohns geistiger Gestalt wird wichtig, wenn man darunter das nicht auf Biographischem, sondern auf der geistigen Leistung und der Gesamtheit des Werks beruhende Bild seines Wesens verstehen will, das in sich zusammengesetzt sein mag, aber gerade dann versucht, diese Vielfältigkeit als Einheit oder einen einheitlichen Sinn gebend zu sehen. Es ist nun interessant festzustellen, wie überraschend wenig Unter- Stützung der Versuch, die geistige Gestalt Mendelssohns so darzustellen, bei dem überlieferten ־Mendelssohnbild findet. Nicht deshalb, weil dieses Bild bei der Ueberprüfung sich als falsch herausstellt, sondern darum, weil es in all den verschiedenen Teilen, aus denen es zusammengesetzt ist, über allgemeinste Charakteristiken hinaus zu der geistigen Gestalt Mendelssohns kaum etwas zu sagen hat. Seinen Grundstock bildete ein Mosaik aus Begebnissen, Episödchen und Kuriositäten, die mehr biographisch als geistesgeschichtlich interessant sind. Hier werden ganz fragmentarisch merkwürdige Begebenheiten eines ungewöhnlichen Lebensganges aneinandergereiht. Aber schon dabei tritt der Gesichtspunkt heraus, unter dem überhaupt alle Einzelheiten des Mendelssohnsbildes zusammengeschlossen zu sein scheinen: die ungewöhnliche — ungewöhnlich zumindest für die Zeit — Kombination von Judentum und Weltweisheit und Humanität in einer Person. Schon hier bei cler Zusammenfügung 1 Der Aufsatz gibt — nur wenig verändert — den Vortrag wieder, den Verf. am 4. Juni 1928 anläßlich der Jahresversammlung der ,,Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums“ in Köln gehalten hat. Für die hier nur knapp dargestellten philosophischen und ästhetischen Ansichten verweist Verf. auf seine Einleitung zum ersten Band der Jubiläumsausgabe von Mendelssohns Schriften; M.s Religionsbegriff soll eingehender in einer Arbeit dargestellt werden, die im nächsten ,,Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums“ veröffentlicht werden wird. Monatsschrift, 73. Jahrgang. 6