Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 6
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 627 (sequence 2)
- Language
- German
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Mißdeutungen war. Vortrefflich ist dargelegt, wie falsch und dem Religiösen im Grunde ־widersprechend es ist, wenn das Egoistische, das persönliche Bedürfen zum bestimmenden Anteil des Verhältnisses von Mensch zu Gott wird, wenn nicht das Innenleben des Menschen sondern sein Schicksal der Angelpunkt des religiösen Bewußtseins ist. So sehr man hier freudig züstimmen wird* so sehr wird man aber nun Bedenken erheben müssen gegen die Definition, die Ziegler dem ,,persönlichen Gott” zu geben versucht. Er will das Wort vom persönlichen Gott verstanden wissen in bezug auf den Menschen, d. h. in dem Zurückwirken der Vorstellung von der absoluten Harmonie, als welche Gott, zu erfassen sei, auf den Menschen in seinem Kämpfen und Ringen um Herausgehobensein aus dem Chaotischen in ihm zur Harmonie. Das sieht aber der Gleichsetzung von Gott und Idee verzweifelt ähnlich. In Gott selbst Persönlichkeit zu finden, empfindet er als krassen und wirren Aberglauben; Persönlichkeit sei vom Körperlichen untrennbar; ein persönlicher Gott, der reingeistig ist, sei ein nonsens. Hier muß man Widerspruch aufpflanzen. Es ist nicht wahr, daß vom Persönlichen das Körperliche unabtrennbar sei, das Wesen der Persönlichkeit ist der Wille, die Zielsetzung; es gehört zum Bilde des Judentums, daß es an eine Zielsetzung, an einen Plan in der Welt glaubt, und es ist nicht einzusehen, warum nicht in diesem Sinne an dem persönliehen Gotte festgehalten werden soll. In dem אל חי וקיים ruht die Vorstellung von solchem planenden und zielgebenden Geist, und das ist durchaus keine überwundene Vorstellung. Man kann volles Verständnis dafür haben, daß der neuzeitliche Mensch mit der überkommenen Gottesidee ringt, sie nicht einfach übernimmt, sie in sein Weltbild einzufügen sucht, aber das Bewußtsein von einem waltenden, planenden, zielsetzenden Geist, dem Inbegriff der geistigen Persönlichkeit ist unentbehrlich, wo Judentum dargestellt werden soll. Auch in dem Kapitel ,,der Weg Israels zu Gott“ finden sich Ausführungen, die einer Ergänzung bedürfen. Was Ziegler sagt, um die Wirkungen des traditionellen jüdischen Religionsgesetzes zu schildern, ist alles wahr und richtig, da ist kein Wort zu viel; aber es geht doch nicht an, den Widerspruch gegen sie und ihre Geltung einfach auf das Konto des Raisonnements der. Lebens- und Genußfreude zu setzen. Will man die Zeugnisse des Midrasch nicht nur als Stimme aus alter Zeit werten, sondern das Bleibende und auf die Dauer Verbindliche aus ihnen herausheben und mit eigenem Wort in die Systematik der Religionslehre einbauen, will man Judentum der Gegenwart schildern, dann muß man sich auch mit den neuzeitlichen Auseinandersetzungen über das zu diesem Thema Gehörige befassen und Stellung zu ihnen nehmen. Man muß doch zumindest darüber reden, daß es eine dem traditionellen Umfang* des. Religionsgesetzes und seinem planmäßigen Einbeziehen aller Lebensäußerungen in seine Kontrolle nicht zustimmende Haltung aus dem Grunde gibt, weil man den Glauben an die Göttlichkeit eines Gebotes über die Form der Religionsübung nicht hat, weil man der Idee eines Religionsgesetzes aus Grundsatz widerstrebt, weil man dem nationalen Charakter der Form abhold ist, und sich damit auseinandersetzen. Zustimmen oder abweisen, gleichgültig, aber irgendwie muß Stellung genommen werden, sonst ist der systematische Aufbau nicht lückenlos. Vorzüglich ist die Umschreibung des Begriffes כלנה als der Seelenhaltung, aus der eine Tat getan wird nicht um der eigenen Person willen, nicht wegen der Wirkung auf uns, sondern um der Hingabe an Gott willen. Einige Bemerkungen können rein sprachlich, so wie sie gebraucht sind, mißverstanden werden. So. ist es z. B. mißverständlich, wenn aus dem Bestreben, den aus der Vorstellung von der Erwählung Israels möglicherweise zu entnehmenden Egoismus auszuschalten, der Satz geprägt ist: ,,Nichts von .nationaler Selbstüberhebung, nichts von völkischem Dünkel soll uns mehr an unseren Gott ketten: es gibt keine Auserwählung! Aber es bat eine gegeben.” Das könnte zu leicht so verstanden werden, als sei auch das legitime Gefühl der Erwählung, nicht nur das, das einstens schon die Propheten gegeißelt, aus nationalem Dünkel geboren gewesen. Wenn nun Ziegler selbst weiterhin als •Sinn der Auserwählung die Konzentration auf die Religion ansetzt, warum soll das nur ״gewesen sein”, warum soll das nicht auch heute als Sinn und Sonderart des jüdischen Seins empfunden werden? Warum soll es dann nicht auch heute Erwählung geben? Mißverständlich ist es, wenn ein Gegensatz anerkannt wird zwischen Uebermensch und Dutzendmensch, und dann der 40*