Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 6
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 626 (sequence 1)
- Language
- German
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626 Besprechungen ProL Dr. I. Ziegler: Die sittliche Welt des Judentums. 2. Teil. Vom Abschluß des Kanons bis Saadia. 1928, M. W. Kaufmann, Leipzig. 397 S. brosch. 6,50 Mk., geh. 8,— Mk. Dem ersten, im Jahre 1924 erschienenen Bande, der die sittliche Welt des Judentums, wie sie in der Thora aufgebaut ist, darzustellen unternahm, läßt der Verf. jetzt den zweiten folgen, der die sittliche Welt des Judentums aus den bis zu den ersten mittelalterlichen R,eligionsphilosophen vorliegenden Zeugnissen des jüdischen Geistes, d. h. aus Talmud, Midrasch und den ältesten Gebeten Israels erstehen läßt. Ziegler gliedert den Stoff in folgende Kapitel: die Gottesidee, der Mensch und sein Gott,, die Sendung Israels, der Weg Israels zu Gott, von Mensch zu Mensch, der Lohn der Frömmigkeit und die Strafe der Sünde. Innerhalb dieser Gliederung führt er sein Thema so durch, daß er die aus den Midraschim und den sittlichen Vorschriften sich ergebenden Gedanken einleitend in einigen Worten zusammenfaßt, das Ganze in logischem und systematischem Aufbau sich entwickeln läßt und den im System aufgebauten Lehren eine größere Einleitung zur Vertiefung und Klärung des^ Grundgedankens vorausschickt. In diesen Einleitungen unternimmt Ziegler es, die überlieferte Lehre in die Denkwelt des neuzeitlichen Menschen ein zubauen, mit ihr sich auseinander^usetzen und von ihr aus dem Ueberlieferten einen neuen Sinn abzugewinnen. Die systematisch entwickelten einzelnen Lehren und Forderungen werden sodann durch die auf sie hinweisenden und sie begründenden Midraschstellen belegt. Auf diese Weise wird ein Doppeltes erreicht. Einmal, daß der Leser in die Quellen der jüdischen Ethik eingeführt wird und etwas von der schier nicht zu überwältigenden Fülle kennen lernt, die das. jüdische Schrifttum zur Begründung und Ausgestaltung eines sittliehen Lebens in sich birgt. Und zum zweiten, daß dem Leser ein möglichst geschlossenes Bild der jüdischen Ethik dargeboten wird. Das Buch wird dadurch in gewissem Sinne zu einem Lehr- und Erziehungsbuch, ohne daß es dabei die Trockenheit und, sozusagen, die Aufdringlichkeit eines Erziehungsbuches hätte. Neben dieser Arbeit der Befestigung und Aufklärung unter den dem jüdischen Schrifttum entfremdeten und seine Schätze entbehrenden Juden unserer Zeit, die es leistet, erfüllt es zugleich eine andere wertvolle Aufgabe, die Aufgabe der Verbreitung von Wissen um das Judentum in nichtjüdischen Kreisen; es gibt wohl sonst kein Buch, das Sentenzen aus Midrasch und Talmud in solcher Fülle und zugleich in systematischer Ordnung in einer lesbaren, verständlichen und geschmackvollen Uebersetzung bietet. Sö muß man sowohl dem Verfasser Dank wissen für die Arbeit, die er geleistet, als auch der tschechoslowakischen Großloge UOBB, daß sie die Herausgabe des Werkes auf sich nahm. Es liegt in der Eigenart der midraschischen Sentenzen, ,daß sie sich nicht leicht und nicht ohne weiteres in das Schema eines Systems einspannen lassen, sie sind vielgestaltig und nicht immer nur Kleid eines Gedankens; man kann daher nicht eindeutig sagen, welcher Gedankengruppe eine Sentenz angehört. Daß mitunter an der Richtigkeit der Einordnung, wie sie der Verf. vorgenommen, Zweifel gehegt werden kann, hat er selbst freimütig anerkannt; es hat aber auch nichts auf sich, wenn man hie und. da meinen möchte, ein Midrasch sage etwas anderes, betone ein anderes, als was der Verf. aus ihm hervorhob; es bleibt auch dann Fülle und Ueberfluß. Die den Sentenzengruppen voraufgeschickten Einleitungen bedeuten in der Systematik ihrer Anlage die Aufführung eines Gebäudes der jüdischen Lehre. Das ist an sich gut und wünschenswert, und eben darin ruht zum großen Teile Eigenart und Güte des Buches, sie erforderten aber eine Auseinandersetzung über strittige Fragen, und diese kann nicht geschehen, ohne daß sich Widerspruch regt. So wäre z. B. Widerspruch zu erheben gegen das, was Ziegler über den Ideenkomplex ,,persönlicher Gott” sagt. Er versucht zunächst die jüdische Gottesidee zu entwickeln als die Verkörperung der absoluten Harmonie gegenüber dem Chaos, das alles Triebleben ist, das alles Stoffliche ist. Man könnte schon hier einen Zweifel erheben, ob das unwidersprochen als Sinn der jüdischen Lehre genannt werden kann; mir will scheinen, in dieser Gleichsetzung des Stofflichen mit dem Chaotischen liegt ein Element, das dem Judentum fremd ist und das vielfach schon Ausgangspunkt von