Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Der jiddische Midrasch Wajoscha
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 604 (sequence 4)
- Language
- German
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604 die Hand eines mechanischen Abschreibers oder eine korrumpierte Vorlage. So finden wir in beiden Ausgaben Reime wie: gefangen: wan : han 71; war : gras : glas 92; einer : keiner : arschein 99; begunde : stunden 114; brengen : gelingen 195; singen 310; neben brengen : hengen 611; hob : an : kan 232; gewan : gegangen 325; forchtet: verwirkt 496; harten : geferten 531; turn : wurm : sturm 561. Die Reime werden wie üblich durch einen Punkt von einander geschieden. Nur einmal ist dieser Punkt ausgefallen, zwischen Zeile 45 und 46, und zwar gleichmäßig in beiden Drucken. Nicht dem Schreiber oder Herausgeber zuzuschreiben ist der Ausfall des Reimes in vielen Strophen. Die Strophe unseres ,,göttliehen Liedes'so nennt sich das Büchlein selbst, ist durchweg siebenzeilig und nach dem Schema ababacc gebaut. Die siebenzeilige Strophe war im 16. Jahrhundert sehr beliebt. Nicht nur Luther und Hans Sachs, sondern auch der jiddische Dichter Elija Bachur in seinem ״Lied zur serefe von Venedig" (siehe Merkin in ״Blättlech zu der Geschichte, S. 177 f.") hat davon Gebrauch gemacht. Obgleich das Lied ״benigun zur mischelö achalnu" zu singen war, ist es doch nicht in der Strophe des hebräischen Liedes verfaßt — dessen Schema ist abababb —, sondern in seiner eigenen Strophe ababcbc. Trotzdem scheint die Strophe unseres Midrasch von Levita beeinflußt zu sein. Wie bekannt, ist er der Autor des Buve-Buches und auch des Romans Paris u1V Vienna, die in der Ottave rima verfaßt sind. Diese Strophe ist zweifellos von Elija Bachur (Levita) in die jiddische Literatur eingeführt worden. Das Reimschema der Ottave rima ist abababcc. Läßt man die erste Zeile der Ottave rima fort, so erhält man unser Schema ababacc. Zweimal ist die regelmäßige Strophe gestört durch den Reimausfall, der kaum vom Verfasser stammt, sondern zweifellos dem Schreiber zuzuschreiben ist, nämlich in den Zeilen 50 und 92. Im ersten Falle sollte wohl die Zeile mit ,,zu hant“ enden; im zweiten hat äugenscheinlich ursprünglich ,,was“ gestanden anstatt war, wie es unser Text hat. Man wäre leicht versucht, auch die anderen 16 Reimausfälle (12, 54, 82, 243, 257, 285, 369530 ,523 ,502 ,425 ,411 ,383 ״,. 537, 551 und 586) dem Verfasser abzusprechen und für nicht original zu erklären, besonders, da manche sich leicht emendieren lassen. So z. B. könnte man Zeile 12 in ״er scheut haß un" m. zorn"; 82 in ״doch hab ich gesagt offn bar"; 551 in ״mein h. as e. m. s. ward" usw. emendieren. Allein die Häufigkeit des Ausfalles nebst derTatsache, daß es sich immer um die fünfte Zeile der Strophe handelt, legt es nahe, daß diese scheinbaren Defekte ursprünglich und beabsichtigt waren. Das Schema dieser 16 Strophen ist also ababxcc und erinnert an Luthers Lieblingsstrophe ababeex und an Hans Sachsens Schema ababexe, das wir z. B. in seiner ״Klage des Witwers" (Sammlung Göschen Nr. 24, p. 36) finden. Der Unterschied zwischen den drei Strophen ist bedingt durch die Stellung der reimlosen Zeile (Waise). Der jiddische Autor setzt sie in die fünfte, Luther in die siebente und H. Sachs in die sechste Zeile; die ersten vier Zeilen haben bei allen drei Verfassern gekreuzte •Reime. Das ermöglicht uns die Auffassung, daß der jiddische Midrasch dem 16. Jahrhundert angehört. Dafür spricht nicht nur der Strophenbau, sondern auch die Sprache