Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Der jiddische Midrasch Wajoscha
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 603 (sequence 3)
- Language
- German
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603 in anderen Ländern, im Morgenwie im Abendlande finden wir sie. In England unterhalten sie im Jahre 1428 den jungen König Heinrieh VI. zu Weihnachten (Jewish Chronicle, Febr. 28, p. 31) und im 17. Jahrhundert stellt der Sultan jüdische Spielleute an (Jewish Encyclop. IV, 426). Diese Spielleute haben sich zu ihrem Zwecke nicht nur der Ritterromane aller Völker, sondern auch der biblischen Stoffe bemächtigt und sie verbreitet, so daß wir von ihnen alle erzählenden Teile der Bibel in jiddischen Strophen besitzen, die gleichzeitig beweisen, wie den Juden alle Strophenformen der deutschen Literatur bekannt waren. Die Bücher Josua, Richter, Samuel, Könige, Daniel und Jona besitzen wir in der Nibelungenstrophe, einer Strophe, die durch dieses Samuel-Buch weiten Kreisen bekannt wurde, so daß man später des öfteren von Bearbeitungen ,,benigun schemuel buch“ hört. Andere biblische Bücher wurden in andere Volksstrophen gesetzt, so z. B. die fünf Megilloth (siehe meine Esther-Ausgabe in Journal of Engl, and Germanic Philology, Oktober 1919). Nachdem alle erzählenden Bücher der Bibel in dieser Form zahlreiche Leser und Zuhörer gefunden und die Spielleute ungeteilten Erfolg erzielt hatten, sah man sich nach weiteren geeigneten Stoffen um, die man in einzelnen Kapiteln der heil. Schrift fand. Als besonders geeignet zur poetischen Bearbeitung und zum Vortrag erschienen die Abschnitte von dem Verkauf Josephs (Gen 37), von der Opferung Isaaks (Gen 22) und die Erzählung vom Auszug aus Aegypten Ex 1430 ff.)• Außer der im Hebräischen und erst viel später im Jiddischen verfaßten ״mechiras Josef“ besitzen wir eine *viel ältere ״akedas jizehok“, oder — so wurde das Buch nach den Anfangs Worten genannt — den ,,Jüdischen Stamm“. Diesem Werke ist eine besondere Ehre zuteil geworden. Seine Strophe, die ebenfalls die Nibelungenstrophe ist, wurde wie die des Samuel-Buches vorbildlich für andere Werke, die im Tone von ,,Jüdischer Stamm“ oder ,,akedas jizehok“ abgefaßt wurden (vgl. z. B. Steinschneider, Cat. Bod. Nr. 3686). Haben alle diese biblischen Bearbeitungen mehr oder weniger aus dem Midrasch geschöpft, so gibt es eine, die ausschließlich dem Midrasch gewidmet ist und sich auch durch den Titel als Midrasch zu erkennen gibt. Es ist dies der Midrasch Waj oschah, die einzig bekannte jiddische Bearbeitung eines Midrasch in Spielmannsstrophen. Wahrscheinlich sollte dieses jiddische Buch am Sabbath Schira, d. h. am Sabbath, wo man in der Synagoge das Lied vom Auszug aus Aegypten verliest, oder am 7. Tag Pesach vorgetragen werden. Der jiddische Midrasch ist in zwei Ausgaben in der Bodleiana in Oxford erhalten. Die erste in 4° Prag ohne Datum (nach Stein- Schneider vor 1687), die ich mit i bezeichne; die andere, die ich mit ii bezeichne, ist ebenfalls ein Prager Druck in 8° ohne Jahresangabe; sie soll nach Steinschneider zwischen 1688 und 1715 erschienen sein. Beide Drucke sind vollkommen identisch, sie enthalten dieselben Eigentümlichkeiten und Fehler, so daß es schwer zu sagen ist, ob sie beide dieselbe Vorlage benutzt haben, oder ob ii — was sein Titelblatt nicht erwähnt — eine Abschrift von i ist. Jedenfalls ist der Text, wie er hier vorliegt, ziemlich verderbt und verrät