Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Der jiddische Midrasch Wajoscha
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 602 (sequence 2)
- Language
- German
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602 ausdrücklich erwähnen, daß sie die ,,geschwätzige“ Literatur verdrängen wollen. Der Verfasser des ,,Schön Frauenbüchlein“ (Basel 1602) sagt in der Einleitung: ,,drum libe .tochtr merk eben auf was ich dir geschriben hon un’ nit mein ds ds is gespei as andre teitsch büchr die men hot gemacht un' getracht die weil mit zu vrtreiben.“ Wenn dieses Frauenbuch auch bei den Frauen des 16. Jahrhunderts und darüber hinaus großen Anklang gefunden hat, so wurde es doch von der erzählenden oder epischen Literatur an Popularität weit übertroffen, wahrscheinlich schon deshalb, weil das ,,Frauenbüchlein“ hauptsächlich für das weibliche Geschlecht bestimmt war, während die anderen Werke sich an beide Geschlechter wandten und von beiden mit großem Eifer aufgenommen wurden. In den Einleitungen zu diesen Werken hören wir, daß sie beabsichtigten, die der deutschen Literatur entnommenen Werke zu verdrängen. Sowohl das Maase-Buch (Basel 1602) wie auch Levita in seiner Ausgabe der Psalmen (Venedig 1545) erwähnen, daß sie ,,Titrich von Bern, Meister Hildebrant und Der Schönen Glück“ aus dem Kreise ihrer Leser vertreiben und durch ihre eigenen Schöpfungen ersetzen wollen. Ob diese ausgesprochene Absicht von den Verfassern selbst stammt oder den Herausgebern zuzuschreiben ist, kann dahingestellt bleiben. Feststehen muß jedoch die Tatsache, daß die angeführten deutschen Werke im Ghetto so sehr verbreitet waren, daß man dieser Verbreitung entgegenarbeiten :zu müssen glaubte; und daß dies mit großem Erfolg geschah, ergibt sich aus den zahlreichen Ausgaben dieser. Ersatz-Literatur. Das Maase-Buch und die angeführten Psalmen haben mindestens je ein Dutzend Ausgaben aufzuweisen. Die Psalmen-Bearbeitung gehört einer besonderen Literaturgattung an, die alle anderen an Bedeutung und Verbreitung übertroffen hat. Wenn das Maase-Buch eine große Auswahl Erzählungen brachte, die dem Talmud und anderen hauptsächlich jüdischen Quellen entnommen waren, so enthielt das Tehillim-Buch biblische Stoffe, die zwar zum Teil dem Volke bekannt, aber durchweg in eine neue Form gekleidet waren, so daß das Buch einen eigenartigen Reiz auf die Leser ausüben und die anderen Werke verdrängen konnte. Wie das Maase-Buch und ,,zeenu ureenu“ enthält das biblische Buch auch Sagen und Erzählungen aus allen möglichen Quellen; aber die Art׳ und Weise, wie diese erzählt wurden, war. neu und daher von großer Bedeutung für die Folgezeit. Sie wurden nämlich nicht in Prosa vorgetragen, sondern in Reime, und zwar in die verschiedenartigsten Strophenformen gesetzt, die hauptsächlieh der deutschen Literatur entnommen waren. Sie waren also nicht nur zum Lesen, sondern auch — und vielleicht hauptsächlich — zum Vortrage, zum Singen bestimmt. Viele, wenn nicht die meisten solcher Gedichte sind von Spielleuten verfaßt worden. Ich habe bereits in meinem ,,Artus-Hof“ über den jüdischen Spielmann ausführlich gehandelt, und Max Erik in seinem Buch ,,Wegen altjiddischem Roman“ (Warschau 1926) ist mir gefolgt, so daß es sich erübrigt, hier noch weiter auf das Thema einzugehen. Ich habe in meinem Buche (Seite XXV) gezeigt, wie die jüdischen Spielleute vor deutschen Fürsten und Monarchen gesungen haben. Aber auch