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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1928-01-01 · Heft 6 · p. Seite 601

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
72 (1928)
Issue
Heft 6
Article
Der jiddische Midrasch Wajoscha
Date
1928-01-01
Page
Seite 601 (sequence 1)
Language
German
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601 Der jiddische Midrasch Wajoscha. Von L. Landau in London. Die jiddische Literatur hat ihre Wurzeln auf religiösem Boden. Das ist ganz natürlich. Denn wie man auch immer über das Judentum als Nation im modernen Sinne denken mag, so ist doch der Jude ohne Religion undenkbar. Das Judentum ist gleichsam mit der Bibel geschaffen worden, die zunächst der Gegenstand, des ganzen Denkens und Fühlens des Juden war. Es war *daher selbstverständlieh, daß er im Augenblick, wo er eine neue Sprache wie das Jiddische schrieb, zunächst von der heiligen Schrift und seiner Religion handelte. Es ist aber ein großer Irrtum zu glauben, daß selbst in der älteren Periode ihrer Entwicklung die jiddische Literatur bei Uebersetzungen oder Bearbeitungen hebräischer religiöser Schriften stehen geblieben sei. Das war keineswegs der Fall, und obgleich ich diese Frage in meinem ״Artus-hof“ (Leipzig 1912) bereits ausführlich behandelt habe, glaube ich dennoch auf diese Tatsache noch einmal hinweisen zu müssen, weil hier noch immer irrige Auffassungen bestehen. Tatsache ist, daß die profane, jiddische Literatur viel mehr Vefbreitung gefunden hat als die religiöse. Sie wurde mit solchem Eifer und Fleiß gelesen, daß sie ,,zerlesen“ wurde, so daß die Denkmäler dieser Literatur zu den größten Seltenheiten gehören. Einige Ritter־־ romane sind jedoch erhalten und zeigen deutlich, welche Verbreitung diese Art Lektüre bei unseren Vorfahren gefunden hat. Der ,,Artus- Höf“ und das ,,Bove-Buch“ z. B. sind sprichwörtlich geworden: ,,Es get hinen zu as wen es kenig Artis hof wer“ (siehe Artus-Hof 3, 4) sagte früher dasselbe wie: ״kisudas Schelomo beschaato“, und noch heute hört man: ,,dus is a bube maase“. Wenige kennen jedoch die ursprüngliche Bedeutung dieses Ausdruckes. Sie verbinden das Wort ״bube“ mit dem polnischen ״baba“ Großmutter. In Wirklichkeit aber bezieht es sich auf das Buvo- oder, wie es auch genannt wurde, Buvo-maase-buch, d. h. auf den Roman Sir Bevis of Southampton. Aber abgesehen von diesen treuen Zeugen der großen Verbreitung der Romane ist doch ihre Existenz selbst sowohl in handschriftlicher wie auch in gedruckter Form der beste Beweis ihrer großen Beliebtheit beim Volke. So besitzen wir acht Drucke und zwei HSS. vom Artus-Hof — abgesehen von Fragmenten — und nicht weniger als 12 Drucke vom Buvo-buch, deren letzter ins 19. Jahrhundert reicht. Es gibt wohl kaum ein einziges älteres jiddisches Buch mit Ausnahme des ״zeenu ureenu“, des Vade mecum der jüdischen Frau, das sich mit diesen beiden an Beliebtheit und Verbreitung messen kann. Es hat aber noch andere ähnliche Denkmäler gegeben, die, wenn sie auch für uns verloren sind, nicht minder, ja sogar mit noch größerem Eifer gelesen wurden, so daß sie in gewissen Kreisen als eine Gefahr für die Moral der Leser galten, und man daher glaubte, die Literatur mit allen Mitteln bekämpfen zu müssen. Zu solchen Mitteln gehörte zunächst eine Gegen- oder Ersatzliteratur: So entstanden Werke ethischen und erzählenden oder epischen Inhalts. Es ist hier nicht der Ort, alle Werke, die zu diesem Zwecke geschaffen wurden, aufzuzählen; ich will mich darauf beschränken, nur einige solcher Schriften zu erwähnen, die

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