Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Gewebekrankheiten der Juden im 17. Jahrhundert
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 574 (sequence 3)
- Language
- German
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£74 schäftigungs weise zuzuschreiben sind. Was also fälschlich von Angeborenheit und Volksverseuchung hergeleitet wird, stammt von den engen Behausungen und dürftigen Zuständen, denn als sie noch in Jerusalem wohnten, wo es der Wohlgerüche in Fülle gab, waren auch sie zweifellos rein und wohlriechend. Fast alle Juden und besonders das niedere Volk, welches die Mehrheit bildet, übt sitzende oder stehende Gewerbe aus. Sie befassen sich mit Nähterei und dem Flicken alter Kleider. Besonders sind es die Frauen, verheiratete sowie ledige, die mit der Nadel sich das Brot verdienen, doch spinnen, weben oder riffeln sie nicht, noch üben sie ein Kunstgewerbe aus. Im Nähen aber leisten sie Ausgezeichnetes, so daß sie wollene oder Seidenkleider derart zusammenpassen, daß man nicht die Spur einer Naht entdecken kann. Italienisch nennt man dies: vinacciare (erneuern). Auch verstehen sie es, auf diese Weise aus zerrissenen Kleidern und Lappen kunstvoll Zusammengestelltes bei unerfahrenen Leuten an den Mann zu bringen. Mit so auf geputzten Dingen fristen sie ihr Dasein. Solche Arbeiten strengen die Augen stark an. Dadurch, daß sie den ganzen Tag und bis spät in die Nacht bei dem schwachen Licht, das der dünne Docht eines Nachtlämpchens spendet, wie solche an Grabstätten üblich sind, der Arbeit obliegen, leiden sie nicht nur an den üblen Folgen der sitzenden Lebensweise, sondern im Laufe der Zeit wird auch das Augenlicht geschwächt und noch vor dem 40. Lebensjahre stellt sich Augenzwinkern und Kurzsichtigkeit ein. Dazu kommt, daß die Juden in allen Ländern zusammengepfercht leben und die Jüdinnen, um genug Licht zu haben, an den offenen Fenstern arbeiten, wodurch sie über verschiedene Kopfleiden: Kopfweh, Ohren- und Zahnschmerzen, Heiserkeit, Augenentzündungen zu klagen haben und viele von ihnen, insbesonders unter dem niederen Volk, schwerhörig werden und unterlaufene Augen haben. Die Männer dagegen, die entweder den ganzen Tag sitzend Kleider flicken, oder stehend Ausschau halten, wem sie die zusammen- •gestoppelten Kleider verkaufen könnten, sind fast alle von krankhaftem Aussehen, düster und trauriger Gemütsstimmung, auch leiden viele unter ihnen an Krätze. Selbst die Reichen leiden oft an irgendeinem Jucken, das für eine Volkskrankheit oder für ein Erbübel gehalten wird; dies mag früher allgemein gewesen sein und zeigt sich jetzt noch bei den Nachkommen1. Außer mit Nähen beschäftigen sich die Juden, wenigstens in Italien, mit dem Ausbessern der wollenen Matratzen, welche im Läufe der Zeit, durch das Daraufliegen hart geworden sind;, dabei wird die Wolle über zusammengeflochtenen Ruten geklopft und ausgebeutelt, wodurch die Matratzen wieder weich gemacht werden. Diese Arbeit verschafft ihnen keinen geringen Verdienst. Aber mit dem Krempeln und Ausbeuteln des alten, mit Harn und allerlei Schmutz stark 1 Die Krätze wurde früher ganz allgemein als eine konstitutionelle Krankheit betrachtet, beruhend auf einer Entmischung des Blutes und der Körper- Säfte, bis im Jahre 1844 der berühmte Hautarzt Prof. Hebra in Wien eine in der Haut schmarotzende Milbe (Acorus seabiei) als Ursache der Krankheit nachgewiesen hat. ,