Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Die Gewebekrankheiten der Juden im 17. Jahrhundert
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 573 (sequence 2)
- Language
- German
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57$ unter päpstlichem Schutz. Er war der Zeitgenosse der großen Physiker und Mathematiker Galilei, Newton und Leibnitz, der Chemiker Boyle und Lemery, der berühmten Aerzte Harvey, des Entdeckers des Blutkreislaufes, Malpighi, dem wir die Kenntnis der roten Blutkörperchen verdanken, Leuwenhoeck, der mittels des Mikroskops den feineren Bau des menschlichen Organismus erschloß, Morgagni, des Begründers der pathologischen Anatomie. Leibnitz besuchte ihn auch 1690, als er in Este archivalische Studien machte. Mit den Krankheiten der niederen Leute sich zu befassen und darüber noch ein Buch zu schreiben, schien damals ein ungewohntes und kühnes Unternehmen zu sein, so daß er sich fast zu entschuldigen genötigt sieht, sie in ihren Werkstätten und Hütten aufgesucht und ihr Treiben und Leiden kennen gelernt zu haben. Doch erfreute er sich bei Hoch und Niedrig allgemeiner Verehrung und Beliebtheit. Nachdem der große englische Arzt Sydenham die ehrenvolle Be- Zeichnung zweiter Hippokrates erhalten hatte, nannte man Ramazzini. den dritten Hippokrates. Auch wurde er zum Mitglied der hochangesehenen Wiener Academia Caesareo-Leopoldina erwählt. Der Senat von Venedig ernannte ihn in seinem 67. Lebensjahre zum Professor der II. Lehrkanzel für praktische Medizin in Padua und später zur I. Lehrkanzel in Spoleto, ihm in der Ausübung des Lehramtes volle Freiheit lassend. Er starb plötzlich an Gehirnblutung an seinem 81. Geburtstage, als er eben zur Vorlesung eilen wollte. Ramazzini veröffentlichte nach seinem Hauptwerk auch Schriften über die Krankheiten der Schriftsteller, ‘der Nonnen und auch der Fürsten (De principum valetudine tuenda commentatio, Padua 1710)1 Hier findet sich die folgende interessante Stelle: ,,Mehr als einmal habe ich das Schicksal der Fürsten bedauert, daß sie, von schwerer Krankheit betroffen, in größerer Gefahr schweben als andere Sterbliehe, weil sie der Menge der Aerzte, wenn sie es auch wollten, sich nicht erwehren können“. Man wird hier lebhaft an das Schicksal des deutschen Kaisers Friedrichs III. erinnert. Im Buche ,,De morbis artificum diatriba“ ist jedes der 52 Kapitel den Krankheiten eines besonderen Gewerbes oder Beschäftigung gewidmet; überall werden die Erscheinungen, der Berufskrankheit, der 'Schutzmaßregeln und der Behandlungsweise erörtert. Auch von letzteren darf vieles noch heute Geltung beanspruchen. - Das 31. Kapitel, welches von den Krankheiten der Juden (Demorbis Judaeorum) handelt, hat folgenden Wortlaut1): Das jüdische Volk, dem nichts Aehnliches unter den Menschen zu finden ist, das nirgends einen Sitz hat und überall vorhanden ist,״ das träge und gleichzeitig fleißig ist, weder ackert, noch eggt oder sät und doch erntet, dieses Volk wird von verschiedenen Krankheiten heimgesucht, welche nicht, wie allgemein geglaubt wird, von Vererbung oder schlechter Ernährung herrühren, sondern ihrer Be- 1 Bei der Wiedergabe trachtete ich, die Patina des klassischen Lateins möglichst unberührt zu lassen; auch bedarf es wohl keiner Wiederlegung,״ wenn der für die Juden warm fühlende Verfasser in der Einleitung dieses• Kapitels nebenher einer damals allgemeinen und noch heute nicht ganz aufgegebenen Anschauung Ausdruck verleiht.