Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 6
- Article
- Zur neueren Bibelliteratur [Rezension]
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 570 (sequence 10)
- Language
- German
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570 des biblischen Stoffes und darf darum auch an dieser Stelle gewürdigt werden. Wir hören zunächst von der Regierung Nebukadnezar und seiner Nachfolger und dem Niedergang des neubabylonischen Reiches.. Zugleich gibt uns Kittel ein Bild von der damaligen geistigen Weltläge, so von dem Seelenleben in Israel, von der jüdischen und hellenischen Spruchweisheit, von den Anfängen griechischer Philosophie und von der Kultur Babyloniens und Persiens. So wird uns auch das religiöse Leben des damaligen Juda verständlicher. Babylonische und ägyptische Kulte herrschten vor, und die kanaanäisch-israelitische Volksreligion bestand vielfach trotz der Reform Josijas noch fort.. Es ,werden uns die geistigen Zentren vorgeführt, von denen die religiöse Wiedergeburt in der Fremde ausging. Es sind dies der Prophet Ezechiel und seine Schule, der deuteronomische Kreis und der nationale Wille zur Erneuerung, der aus den Reden des zweiten Jesaia spricht. Die Forschung über das Buch Ezechiel steht nach Kittel heute in einer starken Krisis. Sie betrifft einmal die Frage nach der Einheitlichkeit des Buches und dann auch die Auffassung über Ezechiel selbst. Er soll nach Hölscher nicht mehr der steife, priesterliehe Literat und Bahnbrecher des gesetzlich-ritualistischen Judentums sein, sondern ein echter Prophet der jüdischen Antike und Gesinnungsverwandter des Jeremia. Kittel findet besonders unter dem Eindruck der geistigen Entwicklung unserer Zeit in Ezechiel zwei Seelen und allerlei Gegensätze. Er kann den Priester nicht verleugnen und wendet sich doch vom Priestertum ab. Er fühlt sich zum Propheten berufen und ist doch Priester voll pedantischer Kasuistik. Nicht außer acht zu lassen sind auch eine Reihe von Berichten über das innere Leben des Propheten, die, wenn sie wirklich geschahen, sich nach der Meinung Kittels nur als Begebenheiten aus dem Gebiete׳ des abnormen para-psychologischen Geschehens verstehen lassen.. Hinter der priesterlichen Formel der Aussprüche Ezechiels steht der große religiöse Gedanke von dem Gotte, der nicht nur der Hüter einer starren Gerechtigkeit ist, sondern auch der Wirker eines heilschaffenden Willens. Ezechiel ist aber nicht nur wie andere Propheten der Ekstatiker und Visionär, sondern scheint zugleich mit der Gabe des Fernsehens bedacht. Kapitel 11 erzählt er, wie er nach Jerusalem in den dortigen Tempelbezirk versetzt wird (man vergleiche dazu die Apokalypse von der Himmelfahrt Mosis oder den Anfang der 17. Sure des Quran, der einen Hinweis auf die Himmelfahrt Mohammeds enthält). Die Frage, ob Ezechiel Dichter war, läßt sich nur an Hand einzelner Beispiele beantworten. Viele seiner Dichtungen können sich mit dem Besten messen, was wir an althebräischer Poesie besitzen. Kittel glaubt, daß nicht nur im Menschlichen des Propheten zw׳ei Seelen sich auswirken, sondern auch im Dichter. Er ist Prosaiker und Lyriker zu gleicher Zeit. Unter seinen Volksgenossen in Babel steht er da als Wächter und Seelsorger. Er ist Warner vor dem kommenden Gericht und fühlt sich zugleich verantwortlich dafür, daß er jedem einzelnen die warnende Botschaft kündet (vergl. 316 ff.). — Wesentliche Gedanken Ezechiels vom Geist der Selbstbesinnung und einer geschichtlichen Betrachtungsweise, die das nationale Unglück als die Folge der ,,Sünden der Väter" auffaßte, finden sich auch, wie Kittel zeigt, in der auf das Deutero-