Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 5
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 542 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829951-2829957-2834942--48640-2835064- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
542 Auffassungen möglich sind, wie etwa beim Antisemitismus, wird klar ausgeführt, wie die verschiedenen Richtungen im Judentum sie auffassen — mit besonderer Deutlichkeit und Unbefangenheit in E, ־wo sich zur Bearbeitung der Tagesfragen Männer sonst sehr scharfer Denk- und Redeweise, B. Jacob und N. Goldmann, zu gemeinsamer Arbeit zusammengefunden haben. Und wenn in L gegen Ende der Beiträge über Galut und — über Gott der nationaljüdische Standpunkt deutlich zum Ausdruck kommt, so läßt man doch z. B. einen Mann wie S. Feist über Rassenfragen berichten. Größere Schwierigkeiten ergaben sich in der Behandlung der wissenschaftlichen Fragen. Zwar sind sich auch hier beide Werke darin einig, daß über die Ergebnisse der neueren weltanschaulichen und bibelwissenschaftliehen Forschung in vollem Umfang berichtet werden soll, andererseits versuchen beide die Empfindungen strenggläubiger Leser, soweit es möglich scheint, zu schonen. Damit mag Zusammenhängen, daß die Jahre vor und nach der christlichen Zeitrechnung nur mit den Buchstaben v und n bezeichnet werden (E schreibt dafür a und p, wie auch ,,idem“ statt ,,derselbe“ in Literaturangaben), daß E das Tetragramm nicht vokalisiert und L es im II. Band vermeidet; in vollem Umfang ist das .natürlich nicht möglich; aber wenn E es in der Behandlung des Arnos gebraucht, so fühlt man sich allerdings versucht, an H. Cohens Wort zu erinnern (Kl. Sehr. I 206), welcher ״in dem allgemeinen Gebrauch des Namens Jhv für den einzigen Gott einen Herd des Unglaubens erkennt, der den Materialismus der modernen Weltanschauung lenkt.“ Wie in solchen Dingen eine befriedigende Lösung leicht möglich ist, so entgehen die Beiträge aus dem Grenzgebiet der Philosophie (wie über Anthropomorphismen in E, Denkfreiheit in L) dadurch, daß sie über die im Judentum hervorgetretenen Anschauungen unparteiisch zu berichten suchen, allen Bedenken, ohne der Wissenschaft oder dem Standpunkte der Verfasser etwas zu vergeben. Auch über die Ergebnisse der Bibelwissenschaft hätte sich wohl in ähnlicher Weise berichten lassen; und in E wird auch in den meisten Fällen der Versuch unternommen, dem Leser nur die seitherigen Lösungsversuche vorzulegen, ohne sein Urteil beeinflussen zu wollen. Dagegen stellt sich L meist ohne Einschränkung auf den Boden der im liberalen Protestantismus heute überwiegend vorherrschenden Quellentheorie; selbst in dem Beitrag über Bibelwissenschaft erfährt man nichts von grundsätzlichen Gegnern der sogenannten Wellhausens eben Richtung im protestantischen Lager wie J. Dahse, Klo&termann, Möller, Eerdmans, Kegel, Löhr; von jüdischen Gelehrten sollen gegen Wellhausen nur D. Hoffmann und ״mittelbar“ S. R. Hirsch (seit 18671) geschrieben haben; lebende Gegner jener Anschauungen, wie B. Jacob (nicht Jakob) und S. Jampel, werden nur als Bibelerklärer erwähnt, H. M. Wiener und der eigene Mitarbeiter Kaminka überhaupt nicht (zu ihnen kommt jetzt Yaliuda)1, so daß, mit oder ohne Absicht, in dem Laien, für den das Werk vorwiegend geschrieben ist, der durchaus unzutreffende Eindruck entsteht, daß lediglich die Orthodoxie die Wellhausens che Theorie bekämpft (oder vielmehr bekämpft hat). In Wahrheit müssen die Verfasser selbst zugeben, daß die Ausgrabungen vielfach (es werden lange nicht alle Beispiele aufgezählt!) zu späte Ansätze von Ideen und Schriften widerlegt haben; sie sollten also Verständnis dafür haben, wenn 1 Ueberhaupt sind die Angaben über jüdische Bibelerklärer höchst unvollständig. Kahanes Kommentarwerk wird z. B. nicht erwähnt. Dafür wird der protestantische Theologieprofessor Jirku zum Juden gemacht.