Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Judenfrage im galizischen Landtag 1861 - 1868
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 476 (sequence 20)
- Language
- German
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476 Polenklub an, als dessen Kandidaten sie auch gewählt werden1. Dieses ununterbrochene Zusammengehen mit der herrschenden Landesnation findet — wenn wir von schwachen, vereinzelten Ansätzen absehen2 — kein ebenbürtiges Gegenstück in der Geschichte der anderen, nichtdeutschen Kronländer. Die Kämpfe der Jahre 1861—1868, wie sie oben geschildert wurden, brachten den Juden die Gleichberechtigung. Wenn sie auch zunächst nur auf dem Papier stand, so blieben dennoch mit dem Ende des Kampfes der jüdischen Opposition keine beachtenswerten Aufgaben. Wohl konnte sich die oppositionelle Stimmung, die das galizische Judentum in den Jahren 1861—1866 gegenüber den Polen beseelte, noch ein paar Jahre in den Kämpfen und Bemühungen ausleben, deren Ziel die Wahrung und allseitige Anerkennung der neuerworbenen Rechte und ihre Durchsetzung in der Praxis war. Aber schließlich mußte die jüdische Opposition gegen die Polen zusammenbrechen, als ihr aller Wind aus den Segeln genommen wurde: bei der Masse fand sie keine Unterstützung, da das Volk an politischen Tagesfragen uninteressiert war und Programme und Forderungen religiöser oder nationaler Natur noch nicht kannte. Und die jüdische Intelligenz verlor nach der Erreichung der Gleichberechtigung jedes Interesse an der Politik. So wurde denn die Politik ein Betätigungsfeld für den Ehrgeiz des Einzelnen, nicht mehr prinzipielle Fragen und Volksinteressen, sondern die Karriere und persönliche Vorteile wurden jetzt Gegenstand des politischen Kampfes, und mit politischen Programmen und Ueberzeugungen, mit Stellen und Mandaten wurde oft ein arger Schacher getrieben. — Allerdings sind die Gründe für die Entwicklung einer solchen Mentalität auch in den äußeren Verhältnissen zu suchen: Die politische Taktik und die Programme aller galizischen Parteien änderten sich in den letzten Jahrzehnten des Jahrhunderts wesentlieh. Nicht nur die jüdischen Abgeordneten, auch der polnische Klub — er vereinigte bald alle polnischen Abgeordneten י— verließ den Boden der prinzipiellen Kämpfe um große Ideale, um den Weg einer 1 Zu den Reichsrats wählen unter den galizischen Juden vgl. außer der Schrift Landaus noch: M. Rosenfeld: ,,Polen und Juden“ und Philipson: ,,Neueste Geschichte des jüdischen Volkes.“ Band I, S. 380 ff. Biographische Angaben über die einzelnen Reichsratsmitglieder sind in den Reichsrats־ almanachen von S. Hahn, Prag, 5 Bände, vom Jahre 1867 ff. zu finden. Eine anmutige Schilderung der galizischen jüdischen Reichsrats wählen aus der Zeit des jüdisch-polnischen Zusammengehens gibt K. E. Franzos in seiner Skizze: ,,Jüdische Polen“ in ,,Halbasien“ (Bd. I, S. 55 ff.). In einer anderen Erzählung: ,,Der Dorfrichter von Biala“ (Bd. II, S. 239 ff.) gedenkt er der jüdisch-ruthenischen Wahlgemeinschaft aus dem Jahre 1873. 2 In den Jahren 1879—91 gehörten alle jüdischen Abgeordneten aus den anderen Kronländern — 9 an der Zahl — dem deutschen Klub der Linken an. In der nächsten Wahlperiode 1885—91 gehören nur noch sieben dem deutsch-österreichischen Klub an, während ein jüdischer Abgeordneter Wilder ist, ein anderer (Luzatto aus Triest) dem Klub des^rechten Zentrums, zwei andere (L. Pollak und Prof. Alois Zucker) dem ״Cesky Klub“ angehören. Doch in der nächsten Wahlperiode verschwinden schon wieder die jüdischen Anhänger des ״Cesky Klub“ u. a. und die jüdischen Abgeordneten schließen sich von nun an den verschiedensten linken deutschen Gruppen an.