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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1928-01-01 · Heft 5 · p. Seite 475

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
72 (1928)
Issue
Heft 5
Article
Die Judenfrage im galizischen Landtag 1861 - 1868
Date
1928-01-01
Page
Seite 475 (sequence 19)
Language
German
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475 tagsabgeordnete Dr. S. Samelsohn, schrieb an das ,,Zentralwahlkomitee“ unterm 17. Juli 1873 einen Absagebrief, in dem er dessen zentralistische Tendenzen als polnischer Patriot aufs Entschiedenste verwarf1. Doch das Zentral-Komitee konnte, auf sein verfassungstreues Programm gestützt, mit den jüdischen Massen und dem deutschgesinnten Teil der Intelligenz rechnen und überdies solch populäre Kandidaten, wie Dr. Oswald Hönigsmann und Dr. Max Landsberger, die den politischen Umschwung dieser Tage mitgemacht hatten, aufstellen. Bevor das Komitee in den Wahlkampf trat, versuchte es noch eine Uebereinkunft mit dem polnischen Landeszentralwahlkomitee zu schließen. Als jedoch seine Vorschläge von den Polen nicht akzeptiert wurden2, schloß es ein Bündnis mit den Ruthenen, mit deren Hilfe es drei Mandate, in Kolomea (Dr. Hönigsmann), Brody (Dr. Joachim Landau) und Drohobycz (Hermann Mises) eroberte. In vier anderen Städten fielen seine Kandidaten durch3. Die drei gewählten jüdischen Reichstagsabgeordneten und ein vierter Galizier, Nathan Kallier4, der von der Brodyer Handels- und Gewerbekammer gewählt worden war, schlossen sich zusammen mit den jüdischen Abgeordneten aus anderen Ländern5, im Reichsrate der Verfassungspartei an. Nur Albert Mendelburg, der fünfte jüdische Reichsratsabgeordnete Galiziens, den die Krakauer Handels- und Gewerbekammer entsandt hatte, wandte sich dem Polenklub (Kolo Polskie) zu6. Der politische ,,Separatismus“ der. Juden war von kurzer Dauer. Schon in der nächsten Wahlperiode 1879 bis 1885 gaben sie ihre Sonderbestrebungen ebenso wie das Bündnis mit den Ruthenen auf. Von nun an leisteten sie den Polen treu Gefolgschaft, und alle jüdisehen Abgeordneten7 — mit Ausnahme Kalliers8 — gehörten dem 1 Zit. ebenda, S. 8. Es heißt in diesem Briefe: ,,Gegenüber diesen (zentra: listischen) Tendenzen haben wir nur ein heiliges Interesse und das ist das Wohl des Landes, an dem wir mit inniger Liebe hängen, die Zukunft der Nation, mit der uns jahrhundertealte Traditionen verknüpfen.“ Als Antwort darauf erschien im ,,Israelit“ (Organ des ״Schomer Israel“) eine Erwiderung von Dr. Emil Byk, voll Hohn über den ,,großen mit Kon tusch (pol. Nationaltracht) und Karabella (pol. Säbel) einherschreitenden Samelsohn.“ 2 Das Zentralkomitee verlangte die Zusicherung von sechs jüdischen Städtemandaten in Ostgalizien, u. zw. in Lemberg, Brody, Kolomea, Stanislau, Przemysl und Drohobycz, sowie die Aufstellung von liberalen, antiföderalistisehen ״Kandidaten in" den Bezirken mit namhaften jüdischen Minoritäten. (Landau, a. a. O., S. 8.) 3 In Przemysl (der Lemberger Prediger Dr. Löwenstein), Stanislau (Dr. Gottlieb), Tarnopol (Dr. J. Kohn) und Rzeszow (Dr. M. Landsberger). 4 Sohn des 185ל verstorbenen Mayer Kallier. 5 In Wien, Böhmen, Mähren und Bukowina wurden insgesamt 7 gewählt. Somit gehörten 11 jüdische Abgeordnete der Verfassungspartei an. 6 Die 11 jüdischen Abgeordneten scheinen die in sie gesetzten Hoffnungen der jüdischen Massen nicht erfüllt zu haben. Bald wurden Stimmen laut, die — der Abgeordnete Kallier wurde ausgenommen — über ihre Untätigkeit und ihre Gleichgiltigkeit gegenüber der ,,hartbedrängten Lage“ ihrer Wähler klagten. (Vgl. ,,Wiener Israelit“ v. 19. I. 1876.) 7 Für die Wahlperiode 1879—1885 wurden 8 Juden, 1885—91 wieder 8, 1891—97 4, 1897—1900 sogar 6, 1900—1906 5 Juden gewählt. (Landau a. a. O., S. 88—42.) 8 Natan Kallier wurde bis zu seinem Tode noch zweimal für die Wahl- Perioden 1879—85 und 1885—91 in den Reichsrat gewählt.

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