Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Judenfrage im galizischen Landtag 1861 - 1868
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 474 (sequence 18)
- Language
- German
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474 konsequente zentralistisch-liberale Politik einmünden zu lassen. Denn eine neue Reichsratswahlordnung stand bevor, welche den Grundsatz der Beschickung des Reichsrates durch die Landtage auf heben und die direkte Wahl einführen sollte. Zuvor muß bemerkt werden, daß Dr. Landsberger inzwischen sein Reichsrats- und Landtagsmandat niedergelegt hatte1, und daß bei der in der Landtags- Sitzung vom 1. September 1870 stattgehabten Neuwahl in den Reichsrat die jüdischen Abgeordneten, deren Zahl mittlerweile auf zwei zusammengeschmolzen war2, übergangen worden waren. Da obendrein die autonomistisch-föderalistische Haltung der Polen den jüdischen Massen und dem deutsch-gesinnten Teile der Intelligenz zu weitgehend oder zu gefährlich erschien, konnte ein Abschwenken von der bisherigen Linie der jüdischen Landespolitik, eine endgültige Lösung des Bündnisses mit den Polen nicht mehr auf sich warten lassen3. Die Neuorientierung erfolgte offensichtlich bei den ersten direkten Reichsratswahlen im Jahre 1873, als die Juden anläßlich der Wahlen eine selbständige politische Organisation schufen. Die Initiative ergriff der deutsch-assimilatorische Lemberger Verein ,,Schomer Israel“, der am 28. V. 1873 die Konstituierung eines ,,Zentral-Wahlkomitees“ durchsetzte4. Irgendwelche jüdischen Ziele setzte sich das Komitee nicht, es erachtete vielmehr, wie es in seinem Aufrufe an die jüdischen Wähler ausdrücklich erklärte, ,,die Teilnahme am heilsamen Werke der Verjüngung Oesterreichs und seiner Länder auf dem Wege ununterbrochener, freiheitlicher und gesetzlicher Entwicklung“ als ,,die einzige Aufgabe“ der in den Reichsrat zu wählenden jüdischen Repräsentanten. Der Präses des ,,Schomer Israel“, Dr. Josef Kohn, faßte die Wahlparole noch kürzer zusammen: ,,Unser Programm läßt sich eigentlich mit vier Worten skizzieren: ,,Festhalten an der Verfassung5.“ Zwar billigte die polnisch-assimilierte jüdische Intelligenz diese Politik nicht. Einer ihrer Hauptrepräsentanten, der frühere Land- 1 Landsberger legte infolge des Austrittes der Polen aus dem Reichsrate sein Mandat nieder und schied bald darauf auch aus dem galizischen Landtage. (Vergl. Landau, S.: ,,Rer Polenklub und seine Hausjuden“, Wien 1907. S. 36, Note 2.) Außer Landsberger waren in der Wahlperiode 1867/73 nur noch drei Juden im Reichsrate u. zw. Dr. Ignaz Kuranda und Simon Winterstein aus Wien und Josef Fürth aus Pilsen. 2 Die Abgeordneten Dr. Hermann Frankel und Nathan Kallier. Alle anderen jüdischen Abgeordneten waren inzwischen aus dem Landtage ausgeschieden. Ueber das Ausscheiden Dubs5 werden uns aus den Memoiren von Ziemialkowski folgende nähere Details bekannt: In einer für den 27. VI. 1869 einberufenen Wählerversammlung mußte Dubs zusammen mit Golucbowski und Ziemialkowski sein Mandat niederlegen, da sie alle drei gegen die Nichtbeschickung des Reichsrates stimmten. Nach Rücktritt der drei Abgeordneten wurden sie bei der Ersatzwahl nicht mehr gewählt, indessen wurde vom polnisehen demokratischen Wahlkomitee die Kandidatur des Juden Dr. H. Frankl aufgestellt, der auch wirklich das Mandat eroberte. (Ziemialkowski: Memoiren, I. S. 42, 46—47.) 3 Vgl. dazu Rosenfeld, M.: ,,Polen und Juden“. S. 15. 4 Das Wahlkomitee bestand aus den Delegierten der größten Städte Galiziens. Zu seinem Vorsitzenden wurde Dr. Josef Kolischer, zum Schriftführer Dr. Emil Byk gewählt. (Landau a. a. O-, S. 7.) 5 S. Landau, a. a. 0., S. 7.