Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Judenfrage im galizischen Landtag 1861 - 1868
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 472 (sequence 16)
- Language
- German
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472 praktische Vorteile versprächen. Im Gegenteil, es sei zu erwarten, daß sie dadurch eine Einbuße an Mandaten erleiden würden1. Aber aus grundsätzlichen Erwägungen müßten die Juden gegen die Beschränkungen protestieren. Weil die moralische Zurücksetzung die Juden aufs Tiefste kränke, müßten sie die Aufhebung des bestehenden Zustandes für alle Zukunft fordern: ,,Die Juden erblicken in der Ausschließung eine Beleidigung ihrer Religion. Und dies umsomehr, als sie mit Herz und Seele zur Nation gehören2/' Wenn man von Absonderung der Juden spreche, so müsse gesagt werden, daß sie durch die ständige Zurücksetzung nur gefördert werde. ,,Lasset nur auch die Juden an allen Rechten teilnehmen und Ihr werdet auch schon in der zweiten Generation in Hinsicht auf Nationalität keine Juden mehr kennen." ,,Bei Gelegenheit .... werde ich zeigen", versicherte Hönigsmann, ,,.... wie unsererseits redlich das heilige Ziel der Versöhnung und Ver- Schmelzung angestrebt wird . . . ." Aber eindringlich müsse man davor warnen, die jüdischen Massen durch die Fortsetzung einer judenfeindlichen Politik abzustoßen: ,,Wenn Ihr den Juden einige Rechte verweigert, werdet Ihr sie höchstens dadurch überzeugen, daß sie von Euch nichts und alles nur von den Feinden zu erwarten haben." ״. . > denn viel mehr und Bedeutenderes haben uns die Fremden gegeben3." Diese Rede machte einen großen Eindruck und erntete ungeheuren anhaltenden Beifall. * Als letzter nahm Smolka das Wort. In einer früheren Rede hatte er für die Gewährung der Gleichberechtigung an die Juden unter Hinweis auf die nationalen polnischen Interessen plädiert4. Jetzt gibt er einen historischen Ueberblick über die Entwicklung .der Verhältnisse der Juden im polnischen Staate und endet mit begeisterten Worten: ,,So sehen wir der scheinbar so verwickelten Judenfrage zu, wir wissen nicht, wie sie anzufassen und das ist doch so leicht. Lösen wir sie, wie gesagt, durch au!richtige Gewährung der Gleichberechtigung in der Praxi s." ,,Wir wollen nicht säumen; suchen wir keine künstlichen mystisehen Mittel zur Lösung der Judenfrage, schreiben wir keine dicken und unklaren Gesetzbücher, und wenn wir schon nicht gerecht vor dem Gesetze, wenn wir keine guten Politiker sein wollen, so seien wir doch ,wenigstens rechtschaffene Christen und tun wir den Juden 1 Ebenda. S. 84. Rede vom 8. Oktober 1868. So geschah es ־wirklich in vielen Städten, wie z. B. in Krakau, in Lemberg, wo nach Beseitigung aller Judenbeschränkungen der Wahlordnung viel weniger Gemeinderatsmandate den Juden zufielen, als ihnen sonst durch die Festsetzung eines Zahlen verhältnisses gesichert worden wären. 2 Ebenda, S. 35. 3 Ebenda, S. 97. 4 Diese seine Ausführungen gipfelten in der folgenden Betrachtung: ,,Meine Herren, ich frage, ob es möglich ist, daß die Juden Polen werden, wenn wir ihnen Rechte absprechen, welche man ihnen sogar in Wien gegeben hat?“ In der Theorie seien sie bereits gleichberechtigt, in der Praxis aber entziehe man ihnen in Galizien diese Gleichberechtigung und dies sei noch ärger; denn es ,,mußte sich in ihrem Herzen eine umso größere Bitterkeit gegen uns einnisten, als sie wissen, daß man ihnen diese Freiheiten in Wien gegeben hat und wir sie ihnen in der Praxis absprechen.“ (Ebenda, g. 54.)