Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Judenfrage im galizischen Landtag 1861 - 1868
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 471 (sequence 15)
- Language
- German
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471 ihre vollständige Umgestaltung im Wege der Landtagsbeschlüsse zu verlangen1. Unter den Abgeordneten, die den Gegnern der Judenemanzipation erwiderten, gingen W§zyk und Rogawski von allgemeinen kosmopolitischen Erwägungen aus. W^zyk führte aus: ,,Die Gleichberechtigung ist eine kosmopolitisch-europäische Errungenschaft.“ Folglich müsse sie allen Menschen, auch den Juden zugute kommen. Bedingungen, die die nationalpolnischen Interessen geböten, könnten daran nicht geknüpft werden. ,,Die Gleichberechtigung ist kein Prämium für Bürgerfugenden und kein Prämium für Polentum2.“ Aehnlich argumentiert Rogawski: Das Recht der Juden, den anderen Bürgern gleich behandelt zu werden, beruhe darauf, daß sie Menschen wie alle anderen seien. Die Religion oder die Abstammung,das beweist er durch Zitate aus Macaulay3, könnten keinesfalls berücksichtigt werden. Ueberhaupt sei die Judenfrage ,,vor allem eine soziale Frage.“ Andere Redner, Gniewosz, Smolka und die jüdischen Abgeordneten — ausgerechnet die jüdischen Abgeordneten — Dubs und Hönigsmann betrachten die Frage mehr vom nationalpolnischen Standpunkt aus. Während sich der Statthaltereirat, Abgeordneter Gniewosz, ein bekannter Judenfreund, in seiner Rede verhüllt dahingehend äußerte, daß es ,,viel besser wäre, wenn wir den Zeitgeist erkennend, selbst derlei Hindernisse (die Judenbeschränkungen) hinwegräumen würden, als daß es ein Anderer (scilicet die Regierung) für uns täte“4, sagte Dubs mit aller Deutlichkeit: ,,Wenn Sie, meine Herren, wollen, daß die Juden treue Landeskinder seien, müssen sie־ dieselben durch andere Mittel, als durch Ausschließung, für die nationale Sache gewinnen5.“ In einer schönen schwungvollen Rede setzte Dr.Hönigsmann seinen Standpunkt, den des polnischen assimilierten Juden, auseinander. Nicht deswegen verlangten die Juden die Aufhebung der in der Wahlordnung enthaltenen Beschränkungen, weil sie sich daraus 1 Der Antrag Zbyszewski lautete: Der Landtag geruhe als zweiten Absatz (des § 15) zu beschließen: ,,Gleichzeitig mit diesem Gesetze werden die Vorschriften und Verordnungen, welche den Wirkungskreis und die Wahl der Kahale oder der sog. israelitischen Gemeindevorstände betreffen, insoweit solche mit dem Gemeindegesetze und namentlich mit den darin enthaltenen Bestimmungen bezüglich der Aufsicht im Widerspruche stehen, aufgehoben.“ 2 Auch was die Absonderung der Juden betrifft, teilt W^zyk die Ansicht Krzeczunowicz* nicht. Durch Rechte und Privilegien werden die Juden nicht in dem. Verharren in ihrer Absonderung bestärkt werden, \ielmehr wird sie eine billige Behandlung seitens der Polen der Assimilierung schneller zuführen. ,,Ich bin überzeugt, daß je eher, je leichter, je williger und je unbeschränkter wir den Juden gleiche Rechte geben, um so schneller wir sie zu Polen machen werden.“ 3 Rede vom 30. September 1868, Judendebatte, S. 18—27. Die so oft von den polnischen Liberalen zitierten Aussprüche Macaulay’s sind seiner Rede im House of Commons im Jahre 1830 entnommen (Macaulay, T. B.: ,,The Disabilities of the Jews.“) Speeches. Vol. I, S. 132 ff. Leipzig 1853. 4 Rede am 30. September 1866, Judendebatte, S. 11—14. 5 Rede am 30. September 1866, Judendebatte, S. 33 f.