Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Die Judenfrage im galizischen Landtag 1861 - 1868
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 469 (sequence 13)
- Language
- German
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469 gegen den Willen des Landtages zu beseitigen1. Das wußte man auch in Galizien sehr genau, und so konnte der Widerstand der Judengegner nicht allzu hartnäckig sein. Immerhin gab die Opposition ihre Stellung nicht kampflos preis. In einer großen prinzipiellen Ausspräche über die Judenfrage, die zwei Tage währte, führte sie noch einmal all ihre Geschütze ins Feuer2. Vor allem bekämpften — abgesehen von den unbedeutenden Erklärungen Cäsar Hallers, Skrzynski und des ruthenischen Bauern Kowbasiuk, der den Juden durchaus erst dann die Gleichberechtigung zuerkennen wollte, wenn sie gleiche Pflichten mit den Christen trügen3 — die Abgeordneten Franz Torosiewicz und Kornel Krzeczunowicz die Regierungsvorlage. Beide schützten nationalistisch-opportune Rücksichten vor, ohne gegen den Grundsatz der Gleichberechtigung an sich Einwände zu erheben: Er wisse nicht, meinte Torosiewicz, ,,ob die Regierungsvorlage, der wir im Prinzip Billigkeit und Gerechtigkeit nicht absprechen können, bei uns schon an der Zeit“, und ,,ob die praktische Anwendung dieses liberalen Grundsatzes schon jetzt möglich sei,“ da doch die Juden sich noch nicht gänzlich assimiliert und vorbehaltlos der polnischen Sache angeschlossen hätten. Ein Rückblick auf die Geschichte der Beziehungen zwischen Juden und Polen seit dem denkwürdigen Jahre 1848, werde zeigen, wie berechtigt seine Zweifel seien: ,,Sie werden sich erinnern, meine Herren, mit welch wahrer Freude unser Land vor 20 Jahren die Gleichberechtigung der Juden begrüßt hat: alle eiferten um die Wette, zu zeigen, wie heiß das ganze Land jeglichen .... ausschließenden Unterschied zu verwischen wünsche .... Alle hofften wir, die Juden für unser nationales Lager zu gewinnen und an ihnen ein Material für unseren Mittelstand zu haben4; und wie gesagt, alle freuten sich darüber. Aber leider haben die Juden nach 20 Jahren diese wohlwollenden Gesinnungen unserer Nation nicht mit Gegenseitigkeit vergolten. So ist es, meine Herren, wir sehen leider bei ihnen fortwährend dieselbe Absonderung und denselben Kastengeist, der — was noch ärger ist -— eine mehr antinationale Farbe angenommen hat5.“ ״Wir fürchten uns vor dem Andrange des Germanismus und 1 Vgl. auch dazu Feldmann, W.: ,,Parteien und politische Programme“. Bd. II, S. 271. 2 Die Sitzungen vcm 30. September 1868 und 8. Oktober d. J. Die stenographischen Protokolle dieser beiden Sitzungen erschienen in einer wortgetreuen deutschen Uebersetzung in Separatabdruck, im Verlage des Lernberger Jüdischen Kultusgemeindevorstandes im Jahre 1868. 3) Er meinte damit die verhältnismäßig geringere Beteiligung der Juden am Militärdienst. 4 Dieselben Ansichten entwickelte im Jahre 1861 der bedeutende russischpolnische Staatsmann, Marquis.Alexander Wielopolsld. (Vgl. N. M. Gelber: ,,Die Juden und der polnische Aufstand 1863.“ Wien und Leipzig 1923. Seite 93—94 (Note 2). 5 Als einen Beweis für die letzterwähnte Tendenz bei den Juden führt Torosiewicz an: ,,.... in den von Juden bewohnten herrschaftlichen Höfen findet man keine polnischen Journale, wohl aber die beiden ״Pressen“ und ähnliche tendenziöse, uns feindliche deutsche Zeitschriften.“