Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1928-01-01 · Heft 5 · p. Seite 455

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
72 (1928)
Issue
Heft 5
Article
In der Zeit der Religionsnot
Date
1928-01-01
Page
Seite 455 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2829132-2829951-2829957-2834934--48540-2834977
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

455 Die Synagogen lagen weit ab von der Stadt. Da die Beter fürchteten, bis zur Vollendung der Abendtefilla nach dem Einbruch der Dunkelheit in den Synagogen zurückzubleiben, verfaßte man für sie dieses Gebet als Ersatz für die Tefilla1. Es fehlt auch nicht, an anderen Begründungen, so z. B., daß das Gebet ברוך ד4 לעולם א£| ואמן lediglich eine Vorbereitung zum andächtigen Beten der Abendtefilla sein sollte2 oder daß es das ursprüngliche freiwillige Abendgebet gewesen, bevor dieses zum Pflichtgebet erhoben worden sei3. Aus welchen Gründen immer dieses Gebet eingeführt worden sein mag, eine ReligionsVerfolgung, die seine Einführung veranlaßt hätte, läßt sich mit Sicherheit nicht nach weisen. 9. Sowohl bei dem Chanukkafeste, der Prophetenvorlesung und den Piutim, als auch bei dem Schma in den ersten Benediktionen des Morgengebetes, der Keduscha de Siclra und dem Gebet ברוך ד׳ לעולם אמן ואמן können glaubwürdige Gründe genannt werden, die ihre Entstehung und Einführung veranlaßt haben. Es ist unwahrscheinlich, daß sie alle gleichmäßig in einer Zeit der Religions- Verfolgung eingeführt und auch nach der Religionsverfolgung, als ihr Fortbestehen überflüssig geworden war, weiter aufrechterhalten worden seien. Es ist noch unwahrscheinlicher, daß die Verfolger, wenn sie einmal eine religiöse Institution verboten hatten, den Ersatz für das Verbotene zugelassen hätten. Aber von allen kritischen Einwänden abgesehen, ist gerade das Gleichförmige und Stereotype der besprochenen Berichte ein Zeugnis dafür, daß die meisten, wenn nicht gar alle, unhistorisch sind und in das Reich der Legende gehören. Solcher Legenden, die die Entstehung irgendwelcher religiöser Institutionen, Feste, Gebete und Sitten erklären wollen, gibt es viele. Nur einige von den bekannten Legenden sollen hier genannt werden. So erzählt der Verfasser des sogenannten Aristeasbriefes, der König Ptolemäus II. Philadelphus habe das Gesetz der Juden in griechischer Uebersetzung seiner Bibliothek einverleiben wollen. Auf seine Bitte habe ihm der jüdische Hohepriester Eleasar zweiundsiebzig geeignete Männer, je sechs aus jedem Stamme, gesandt, die in ebensovielen Tagen die Bibelübersetzung vollendeten. In Wirklichkeit jedoch ist die griechische Bibelübersetzung entstanden, als die Juden in Alexandria die hebräische Sprache verlernten und die Bibel in der Ursprache nicht mehr verstehen konnten. Nicht der Laune eines heidnischen Königs, sondern einem Bedürfnis der jüdischen Gemeinde verdankt die griechische Bibelübersetzung ihre Entstehung; sie ist auch nicht in zweiundsiebzig Tagen, sondern im Laufe vieler Jahre entstanden. Eine zweite Legende, die die Entstehung des Chanukkafestes erklären will, erzählt, bei der Einweihung des Tempels durch die Makkabäer sei ein einziges von den Heiden nicht berührtes Krüglein mit heiligem Oel gefunden worden, das wunderbarerweise gereicht habe, acht Tage lang den Tempel- 1 Baer 168. Elbogen 102. 2 Raschi zu Berach. 31 a. 3 Schüler des R. Jona Gerondi, zitiert Alfasi zu Berach. 2 b.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.