Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 5
- Article
- In der Zeit der Religionsnot
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 456 (sequence 8)
- Language
- German
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456 raum zu erleuchten1. Ueber die Einführung des Waisenkaddisch berichtet eine dritte Legende, R. Akiba sei einst einem Toten begegnet, der, auf seinem Rücken eine schwere Last tragend, ihm von der Höllenpein erzählte, die er nach dem Tode um seiner Sünden willen erdulden müsse. Als der Tote mitgeteilt hatte, daß seine Frau ihm in der nächsten Zeit einen Sohn schenken werde, begab sich R. Akiba in die Heimatstadt des Sünders, wartete dort die Geburt des Knaben ab und nahm ihn in den Bund Abrahams auf. Später lehrte er den Knaben beten und führte ihn in das Gotteshaus, wo er das Borchu und das Kaddischgebet vor der Gemeinde sprach. Bald darauf erschien der Sünder dem R. Akiba, dankte ihm und erzählte, daß er jetzt von den Höllenqualen erlöst sei2. Das Gebet ונתנה תוקף ist lange vor Amnon aus Mainz, und zwar nicht in Deutschland, sondern wahrscheinlich in Süditalien entstanden3. Die Legende aber will wissen, daß der Märtyrer Amnon aus Mainz nach seinem Tode dem Kalonymos b. Meschullam erschienen sei und ihn dieses Gebet gelehrt, das er, Amnon, in der Sterbestunde verrichtet hatte, und ihm befohlen habe, dieses Gebet unter allen Juden der Welt zu verbreiten4. So stellt sich die Legende überall dort ein, wo es gilt, den Ursprung eines berühmten Werkes, eines wichtigen Festes oder eines heiligen Gebetes zu erklären. Die Bibelwissenschaft wollte schon in den Erzählungen der Heiligen Schrift kultische Sagenmotive finden, deren Zweck es ist, den Ursprung einzelner Feste, Sitten und gottesdienstlicher Ordnungen zu erklären5. Sicher ist, daß Sagenmotive dieser Art im nachbiblischen Schrifttum sich finden. Viele religiöse Institutionen, Feste, Gebete und Sitten gehen ohne Zweifel auf historische Ereignisse zurück; alle sind in irgendeiner Zeit und aus irgendeinem Grunde einmal eingeführt worden. Bei einzelnen jedoch sind Zeit und Grund ihrer Einführung allmählich vom Volke vergessen worden. Dort aber, wo Zeit und Grund dem Volke nicht mehr bekannt waren und die Geschichte versagte, stellte sich die Legende mit ihren sagenhaften Erzählungen ein. Die Legende entstand überall aus dem Bedürfnis des Volkes, das Unverstandene zu erklären und das Dunkle aufzuhellen; einmal aber entstanden, wanderte das Legendenmotiv durch Zeiten und Länder und wurde in gleicher Form von verschiedenen Ereignissen erzählt. Das gilt auch von dem Motiv der Religionsnot, das in den Berichten über den Ursprung des Chanukkafestes, der Propheten- Vorlesung, der Piutim, des Schma in den ersten Benediktionen des Morgengebetes, der Keduscha de Sidra und des Gebetes 'בלוך ד לעולם אמן ואמן wiederkehrt. Daß sie alle gleichmäßig auf eine 1 Scholion Meg. Taan. IX. Sabb. 21 b. 2 Menorat hamaor I 82 f. aus dem Traktat Kalla; eine zweite Version daselbst 83 aus dem Midrasch Tanchuma. Vgl. Orsarua, Sitomir 1862, II 11b, Abschnitt 50, und Obermeyer, Modernes Judentum, Wien 1907, 102 f. 3 Berliner, Randbemerkungen zum täglichen Gebetbuch II, Berlin 1912, 14. 4 Schalschelet 44 b, Seder hadorot I 218. 5 Gunkel, Genesis, Göttingen 1917, 4. Auf!. XXIII.