Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 5
- Article
- In der Zeit der Religionsnot
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 454 (sequence 6)
- Language
- German
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454 der Mensch gottesfürchtig im Verborgenen“1, die Beter ermahnt, sie mögen das Joch des himmlischen Reiches im Verborgenen auf sich nehmen ־and das Schma an einer ,,verborgenen" Stelle des Gottesdienstes, d. h. in den ersten Benediktionen des Morgengebetes, rezitieren". Hier ist es deutlich erkennbar, wie das stereotype Motiv der Religionsnot von dem Schma der Mussafkeduscha auf das Schma an einer anderen Stelle des Gottesdienstes übertragen wurde. Denn die Mahnung des Seder Eliahu rabba (,,Immer sei der Mensch gottesfürchtig im Verborgenen") weist keineswegs auf eine Zeit der Religionsverfolgung hin, in der das öffentliche Bekenntnis verboten worden wäre, sondern fordert lediglich die Gottesfurcht des Herzens, wie auch der zweite Teil der Mahnung (,,und bekenne die Wahrheit und spreche die Wahrheit im Herzen") die Wahrhaftigkeit der Gesinnung verlangt. Das Schma in den ersten Benediktionen des Morgengebetes ist an dieser Stelle nicht wegen einer Religionsverfolgung eingeführt worden, sondern ,,wahrscheinlich, damit die Zeit für קריאת שמע nicht versäumt würde"2. 7. Wie das stereotype Motiv der Religionsnot von dem Schma an einer Stelle des Gottesdienstes auf das Schma an einer anderen Stelle übertragen wurde, so auch von der Mussafkeduscha auf die Keduscha de Sidra (ובא לציון). Wie in einem Responsum des Gaon Natronai berichtet wird, fanden im Anschluß an jeden Morgengottesdienst Lehrvorträge statt, an deren Ende einige Verse aus den Propheten und als Abschluß die Verse aus der Keduscha vorgelesen, und, wie das bei Lehrvorträgen üblich war, ins Aramäische übertragen wurden. Infolge des erschwerten Daseinskampfes blieb später für die Lehrvorträge nach dem Gottesdienste wenig Zeit übrig, sie wurden daher eingeschränkt oder fielen ganz aus. Die Bibelverse jedoch, aus denen die Keduscha de Sidra bestand, wurden am Schluß des Morgengebetes beibehalten3. So ist in Wirklichkeit die Keduscha de Sidra, d. h. die Keduscha im Anschluß an den Lehrvortrag, entstanden. Trotzdem weiß der Verfasser des Rokeach, Eleasar b. Jehuda aus Worms (1160—1230), zu berichten, daß die Keduscha de Sidra in einer Zeit der Religionsnot eingeführt worden sei4. 8. Die Zurückführung auf eine ReligionsVerfolgung ist allmählich zu einem stereotypen Motiv geworden. Auch vom Gebete לעולם אמן ואמן H ברוך, das bei dem Abendgottesdienste gebetet wird, wurde erzählt, daß es in einer Zeit der Religionsverfolgung entstanden sei. Als verboten wurde, die Tefilla zu beten, soll das Gebet ברוך י' לעולם אמן ואמן, das gleich der Tefilla mit ihren achtzehn Benediktionen achtzehnmal den Gottesnamen enthielt, als Ersatz für die verbotene Tefilla eingeführt und auch nach der Religionsverfolgung beibehalten worden sein5. In Wahrheit jedoch ist dieses Gebet aus einem ganz anderen Grunde eingeführt worden. 1 לעולם יהא אדם ירא שמים בסתר. Vgl. Seder Elialiu rabba ed. Friedmann 118, wo jedoch das Wort בסתר fehlt. 2 Eibogen 91. 3 Responsen Lyck Nr. 90. Elbogen 90. 4 Rokeach 324‘: דתיקנרה בשעת השמד. 5 בעל המנהגות bei Abudarham 39 a.