Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 5
- Article
- In der Zeit der Religionsnot
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 451 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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451 3. Auf die syrische Religions Verfolgung ־wird noch eine andere religiöse Institution zurückgeführt. Abudarham berichtet, daß die Syrer die Thora Vorlesung untersagt und die Juden darum anstelle der verbotenen Thora Vorlesung die Vorlesung aus den Propheten eingeführt hätten1. Die Prophetenvorlesung ist demnach gleich dem Chanukkafeste als Ersatz wegen einer Religionsverfolgung eingeführt worden, und gegen die Begründung ihrer Einführung kann der gleiche Einwand erhoben werden, wie gegen die Begründung der Chanukkafeier im zweiten Makkabäerbuche: Die Prophetenvorlesung als Ersatz für die Thoravorlesung hatte Sinn, solange das Verbot der Thora Vorlesung wirksam war, und wurde überflüssig, als die Religions- Verfolgung vorüber war. Zu diesem Einwand gesellt sich aber noch der zweite, daß die Syrer, wenn sie die Thoravorlesung untersagt hatten, mit der gleichen Gehässigkeit auch das Lesen der Propheten verhindert hätten2. In Wirklichkeit hat die Prophetenvorlesung nicht zur Zeit der syrischen Religions Verfolgung, sondern allmählich im Laufe der Jahre Eingang gefunden. Die prophetischen Bücher standen bei dem Volke in hohem Ansehen, und die Vorlesung aus ihnen ist nach Analogie der Thoravorlesung, neben dieser und nicht als Ersatz für sie eingeführt worden. Die Kenntnis der Thora wurde dem Volke durch die Thora Vorlesung vermittelt; die Psalmen, ein Teil der Hagiographen, wurden im Gotteshause gebetet; noch fehlten die Prophetenbücher. Diese Lücke wurde durch die Einführung der Propheten Vorlesung ausgefüllt; jetzt erst hatten alle Teile der Bibel im Gottesdienste ihren Platz gefunden. 4. Im Laufe der Jahrhunderte entstand im Judentum das halachische und hagadische Schrifttum, das an die Bibel anknüpfte. Es galt auch die religiösen Gedanken dieses Schrifttums, gleich den Geboten und Lehren der Bibel, im Volke zu verbreiten. Darum wurden die Piutim, deren Inhalt aus dem halachischen und hagadischen Schrifttum stammte, in den Gottesdienst auf genommen. Die Piutim, die in Palästina entstanden, sind nicht auf einmal, sondern im Laufe der Jahre allmählich ein Bestandteil des Gottesdienstes geworden3. Die Gelehrten jedoch wollen aus der ,,Ueberlieferung“ wissen, daß auch die Einführung der Piutim, wie die der Prophetenvorlesung, auf eine Religionsverfolgung zurückgehe. So berichtet Jehuda b. Barsilai aus Barcelona im Sefer ha-Ittim auf Grund von Mitteilungen älterer Autoritäten, daß die Einführung den Piutim in einer Zeit der Religionsnot erfolgte, ,,weil damals die Worte der Belehrung nicht zugelassen wurden. Die Feinde hatten Israel verboten, mit der Thora sich, zu beschäftigen. Darum trafen die Gelehrten jener Zeit Einrichtungen, mit deren Hilfe sie im Rahmen des Gottesdienstes den Unwissenden die Vorschriften für Sabbate und Feste und die Einzelheiten der religiösen Gesetze in Gestalt von Hymnen und gereimten Poesien vorführten“4. Samuel b. Jehuda ibn Abun aus Fez, der im zwölften Jahrhundert zum 1 Abudarham 47 a, vgl. auch Elia Levita, Tischbi s. v. פטר. 2 Zunz GV. 6. Elbogen, Der jüdische Gottesdienst 175. 3 Elbogen 285. 4 Sefer ha-Ittim 252. 29*