Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 5
- Article
- In der Zeit der Religionsnot
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 450 (sequence 2)
- Language
- German
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450 Phantasie zur umdichtenden Wiedererzählung reizt“1. Was sich häufig und überall in gleicherweise begeben haben soll, hat in Wahrheit vielleicht nie und nirgends sich begeben. Was gleichförmig wiedererzählt wird, ist selten Geschichte, sondern fast immer Legende. Das soll an einem stereotypen Zug gezeigt werden, der in mehreren Berichten wiederkehrt, die von dem Ursprung religiöser Institutionen und Gebete erzählen. 2. Wie das erste Makkabäerbuch berichtet, zogen Juda und seine Brüder nach der Besiegung des Lysias auf den Tempelberg; sie ließen das Heiligtum durch Priester reinigen und herrichten und feierten mit dem ganzen Volke acht Tage lang die Einweihung des neuen Brandopferaltars. Dann setzten sie fest, daß die acht Tage der Altarweihe Jahr für Jahr mit Freude und Frohlocken begangen werden sollten2. Das Chanukkafest ist demnach zur Erinnerung an die achttägige Altar weihe von den Makkabäern eingesetzt worden. Anders dagegen wird der Ursprung des Festes im zweiten Makkabäerbuche erklärt. Wie dieses Buch erzählt, hielten Makkabäus und seine Genossen eine achttägige Feier gleich einem. Laubhüttenfeste, dessen eingedenk, wie sie noch vor kurzem während des Laubhüttenfestes auf den Bergen und in den Höhlen gleich wilden Tieren ihr Leben fristeten3. Einen ähnlichen Hinweis auf das Laubhüttenfest enthalten die dem zweiten Makkabäerbuche vorangehenden Briefe, in.denen die ägyptischen Juden aufgefordert werden, die Tage des Laubhüttenfestes im Monat Kislew zu begehen4. Dem zweiten Makkabäerbuche zufolge ist somit das Chanukkafest nicht zur Erinnerung an die achttägige Altarweihe, sondern als Ersatz für das während der Religionsverfolgung nicht gefeierte achttägige Hüttenfest eingesetzt worden. Dieser Erklärung haben auch mehrere Forscher beigepflichtet, und sie hat vielfach in unseren Geschichtsbüchern Eingang gefunden5. Allein gegen sie darf mit Recht eingewendet werden, daß die Chanukkafeier als Ersatz für das Hüttenfest wohl in dem ersten Jahre berechtigt war, in dem das Hüttenfest wegen der Religionsverfolgung nicht gefeiert werden konnte, nicht aber in den späteren Jahren, in denen die Feier des Hüttenfestes durch keine Religionsverfolgung mehr unmöglich gemacht wurde. Wüßten wir nicht, daß die Erzählungen des zweiten Makkabäerbuches auch sonst einen sagenhaften Charakter tragen, dieser Einwand genügte, um die Glaubwürdigkeit der Erklärung, wie sie im zweiten Makkabäerbuche für den Ursprung des Chanukkafestes gegeben wird, zu erschüttern. Von den beiden Berichten über die Entstehung des Chanukkafestes verdient der des ersten Makkabäerbuches den Vorzug: Das Chanukkafest ist in der Tat zur Erinnerung an die achttägige Altarweihe und nicht als Ersatz für das verbotene Laubhüttenfest eingesetzt worden. 1 Bernheim, Lehrbuch der historischen Methode, 5. und 6. Aufl. 353. 2 I Mkb 436—59, ähnlich Jos. Ant. XII 77_״. 3 II Mkb 1 0ן-8• 4 II Mkb l9 u. 118. 5 Eapoport, Haschachar IV 432, vgl. Herzfeld, Geschichte des Volkes Jisrael I 271. Krauss REJ. XXX 28—29. Bäck, Geschichte 2. Aufl. 58. Brann, Geschichte I 73.