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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1928-01-01 · Heft 5 · p. 449

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
72 (1928)
Issue
Heft 5
Article
In der Zeit der Religionsnot
Date
1928-01-01
Page
449 (sequence 1)
Language
German
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In der Zeit der Religionsnot. Von J. Bergmann in Berlin. 1. Von Esra aufgefordert, zu den Wallfahrtsfesten nach Jerusalem zu kommen, erklärten die Juden in Worms, daß sie am Rhein ein neues Jerusalem gegründet hätten und von dem alten nichts mehr wissen wollten1. Das Gleiche wird auch von den Juden in Marokko erzählt2. Auch bei den Juden in Jemen findet sich die ,,Ueberlieferung“, daß sie dem Rufe Esras, nach Jerusalem zurück״ zukehren, nicht hätten folgen wollen3. Simon b. Jocliai weilte dreizehn Jahre in einer Höhle, wo er gemeinsam mit seinem Sohne dem Thorastudium oblag4. Zwölf Jahre hielt sich auch Moses b. Maimon in einer Höhle auf, wo er von seinem Lehrer unterrichtet wurde5. So erzählt die Legende oft von verschiedenen Personen und Ereignissen das Gleiche. Aus einer ,,Ueberlieferung“ will Clemens Alexandrinus wissen, daß der Angeber des Jakobus mit diesem zusammen enthauptet worden sei, nachdem er, von der Standhaftigkeit des Apostels erschüttert, zum Christentum sich bekehrt hatte. Daß der Soldat, der die christlichen Märtyrer zum Tode begleitet, oder der Angeber selber Christen werden, ist ein stereotyper Zug in den christlichen Märt3nergeschichten6. Dieser stereotype Zug kehrt auch in den jüdischen Märtyrerlegenden wieder. Von der standhaften Seelengroße des Märtyrers Chanina b. Teradjon hingerissen, stürzte sich sein Henker in die Flammen, nachdem er von dem Märtyrer die Zusicherung erhalten hatte, daß er der ewigen Seligkeit teilhaftig werden würde7. Von dem Bekennermut Abrahams ergriffen, bekehrte sich der Gefängnisoberste, der den Erzvater bewacht hatte, zum einzigen Gotte und sprach zu Abraham: ,,Dein Gott ist der wahre Gott“8. Wie diese Legenden, so haben noch andere einen stereotypen Zug. Gerade das Stereotype ist neben dem Wunderbaren das Merkmal, an dem wir die Legende erkennen und mit dessen Hilfe wir zwischen dem Historischen und Sagenhaften einer Erzählung zu unterscheiden vermögen. In der Geschichte hat jede Begebenheit ihr Eigenartiges, in ihr gibt es keine gleichförmige Wiederholung. Wo das Erzählte gleichförmig wiederkehrt, dort haben wir Grund, seine Glaubwürdigkeit zu bezweifeln. Freilich müßte zumindest die erstmalige Erzählung als historisch und glaubwürdig gelten; ,,allein erfahrungsgemäß kommt es selten vor, daß wahrhafte Begebenheiten in solcher Weise zu Wandersagen werden, weil denselben gewöhnlich nicht jener anekdotenhafte oder romantische Reiz innewohnt, der die 1 Gr ätz V3 184 aus den! Maasse Nissim-Buch. 2 Toledano, Ner hamaar ab I 5. 3 Eben Safir I 99 a. . 4 Sabb. 33 b. 5 Schals ekelet ha-kabbala 32 a. 6 Harnack, Militia Christi 75. 7 Ab. z. 18 a. 8 Jellinek, B. h. I 33. Monatsschrift, 72. Jahrgang, 29

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