Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 4
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 435 (sequence 3)
- Language
- German
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435 Ihn Ezra und Jehuda ha־Levi der Astrologie huldigten, anerkennen doch fast alle jüngeren Philosophen, Grescas inbegriffen, die Einwirkung der Gestirne, auf die Schicksale der Menschen (vgl. Crescas Or Ad. IV, 4; Menahem ben Zerah Zedahla Derech, Sabbioneta s. a. Bl. 31; Aldabi, Shebhile Emuna, II). Warum sollte Leo in seiner Heimat gerade der altern, ja offiziellen Richtung gefolgt sein, und erst in Italien, durch Pontanus, sich der Astrologie zuwenden, wo doch der geistige Kreis, dem er am nächsten stand — Ficinus und Pico della Mirandola — die Astrologie bekämpfte? Ueberhaupt hat die Tendenz, Leo ganz in die italienische Geisteswelt einzufügen, den Verf. manche wichtige Zusammenhänge zwischen der Philosophie Leos und der jüdisch spanischen Religionsphilosophie übersehen lassen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß Jehuda ha-Levi auf Leo, der von seinem poetischen und synkretistischen Geiste sich angezogen fühlen mußte, einen nachhaltigen Einfluß ausgeübt hat. Nicht weniger wirkungsvoll war der Einfluß Grescas’ und seines Schülers Albo auf Leo. Ich erwähne bloß die Aeußerung Grescas’ über den Zweck der Schöpfung (Or Ad. Abh. II, Kel. 6, Kap. 5), über die Liebe Gottes zu den Menschen, die, ganz im Sinne Leos, unendlich größer ist als die Liebe des Menschen zu Gott (a. a. O. Kap. 1); auch der Gedanke, daß die Liebe und ״concordantia“ die Ursache alles Seins ist, wird mit Berufung auf Empedokles gestreift. Ja, sogar das Moment des ״Genießens“, das Verf. als Novum bezeichnet (S. 95, Anm. 1), kommt bei Grescas oft in Verbindung mit der Liebe Gottes vor. Ueber die Definition der Liebe und ihre Einteilung vgl. man Albo, Iqqarim, III, Kap. 35—36. Diese Werke waren Leo sicher bekannt, zumal sich sein Vater mit ihnen mehrmals auseinandersetzt. Und doch suchen wir beim Verf. umsonst nach einem Hinweis auf diese Gedankengänge; von den jüd. span. Philosophen sind es bloß Maimonides und Gebirol, die er in Betracht zieht. Diese italienische Voreingenommenheit ließ beim Verf. die Frage nach der Sprache, in welcher die Dialoge ursprünglich geschrieben wurden, nicht einmal aufkommen. Und doch sprechen manche Ueberlegungen für die Annähme des spanischen Kritikers Menendez y Pelayo, daß die Dialoge ursprünglich spanisch geschrieben wurden (man vgl. über die ganze Frage Savino Lor., Trattati e trattatisti d’amore usw., Napoli 1914, S. 110—112). Das Gegenargument Savinos: ״Che meraviglia c’e ch’uno straniero dopo dieci a n n i die dimora in Italia fosse in grado di scrivere in italiano un’opera di non esigue mole“, kann unser Verf. nicht in Anspruch nehmen, da er das Entstehen der Dialoge einige Jahre früher zurückverlegt. Wer nur einigermaßen die Hartnäckigkeit kennt, mit welcher die aus der pyrenäischen Halbinsel ausgewanderten Juden an ihrer Sprache hielten, muß es als äußerst befremdend empfinden, daß Leo schon in den ersten Jahren diese Sprache aufgegeben haben sollte. Man bedenke, daß Leo sich eine Zeitlang in Ferrara aufhielt, wo ungefähr 40 Jahre später (1551—53) die erste spanische Uebersetzung der Bibel und der Gebete, nicht ohne Mithilfe der Familie Abravanel, erschien. Hätte Leo die Absicht gehabt, seine Dialoge zu veröffentlichen, wäre es wohl begreiflich, daß er sich Zwang angetan hätte, um seine Gedanken der nichtjüdischen Umwelt mitzuteilen. Aus der Vorrede des ersten Herausgebers geht aber hervor, daß dies nicht der Fall war, was auch Savino zugibt, und wir keinen plausiblen Grund finden, weshalb Leo sich einer ihm fremden Sprache bedient haben sollte. Schon diese Betrachtungen hätten dem Verf. zu denken geben müssen, und vom apodiktischen Urteil ,,das ist falsch“ über die Andeutung einer anderen Sprache als die italienische abhalten. Allein wir sind nicht bloß auf diese Ueberlegungen angewiesen, wir besitzen ein unzweideutiges Zeugnis von einem jüngeren Zeitgenossen Leos, das für unsere Frage von außerordentlicher Bedeutung ist, worauf aber meines Wissens bis nun nicht aufmerksam gemacht worden ist. Tolomei Claudio in seinem Briefe — Delle Lettere, libri VII, Ven., Giolito, 1547, Bl. 9 — an Marcantonio Cinuzzi äußert sich über den guten Stil, den er hauptsächlich in der Klarheit (chiarezza) sieht, wofür er als Beispiele die lateinischen Klassiker anführt. Dann fügt er folgenden Satz zu: ,,Lassando i Grechi e Latini... ne nostri tempi maestro Leone ha scritto quei divini suoi D i a 1 0 g i d’a m 0 r e, mi par che degnamente era corso a questo segno, si come bene egli l’espose in lingua s u a, cosi netta e puramente fusse stato tradotto in Toscana“ (in der modernen Ausg. Tolomei Gl., Delle Lettere.., testo di lingua, Napoli, per Francesco Rossi-Romano, 1854, heißt es richtig: ״se come bene...., 28*