Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 4
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 434 (sequence 2)
- Language
- German
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434 dem Verf. gelungen ist, uns in Leo Ebreo den Uebergangsphilosoph von der synkretistischen, alles harmonisierenden Frührenaissance zur nach dynamischem, einheitlichem Lebensprinzip strebenden Spätrenaissance klar und überzeugend vorzuführen. Soweit also Verf. bestrebt ist, Leos Denken als Glied in den allgemeinen Denkprozeß der Renaissance einzureihen, können wir ihm ohne Vorbehalt zustimmen; sobald er aber weitergeht und nachzuweisen glaubt, daß Leo auch sein Denkmaterial zum großen Teil der italienischen Umgebung, der jüdischen sowohl wie der nichtjüdischen, entlehnt habe (S. 61—75), scheint uns das nicht genügend begründet, ja befremdend. Zunächst eine allgemeine Betrachtung. Leo landete in Neapel im Alter von ungefähr 30 Jahren, ausgerüstet mit einem überaus reichem Wissen. Dort angelangt, konnte er, als ausgewiesener Jude, sich sicherlich nicht gleich der Muße hingeben, zumal־ er Grund genug hatte, um das Los seines in Haft gesetzten Kindes besorgt zu sein. Nach kaum zwei Jahren muß er wieder den Wanderstab ergreifen und nach Genua sich begeben, wo er, nach Zugeständnis des Verf. (S. 78), jeder geistigen Anregung bar, nur auf sich selbst angewiesen war. In Genua soll er sich, nach Meinung des Verf. (S. 80), bereits mit der Abfassung der Dialoge beschäftigt haben. Es scheint mir unzulässig, dem ersten vorübergehenden Aufenthalte in Neapel eine so ausschlaggebende Bedeutung zuzuschreiben, wie es Verf. tut. Wir wollen nun Zusehen, welche neuen Geistesgebiete sich Leo auf italienischem Boden erschließen konnten. Daß ihm Messer Leo oder der Averoist Del Medigo etwas Neues bieten konnten, kann ja nicht ernst genommen werden. Es wäre also bloß die Kabbala, in die er erst in Italien eingeweiht worden sein sollte (S. 65—67). Nun ist es aber eine Tatsache, daß die spekulative Kabbala — und nur um diese kann es sich bei Leo handeln ־— unbestrittene Herrschaft über die philosophischen Geister des spanischen Judentums des 14. Jahrh. ausübte, der sich nicht einmal ein so selbständiger Denker wie Hasdai Crescas entziehen konnte. Noch mehr, selbst in Italien waren es zum großen Teil spanische Juden, die die Kabbala verbreiteten, wie Verf. selbst zu berichten weiß, daß der deutsche Humanist Widmanstadt das Haus von Leos Bruder Samuel Abravanel aufsuchte, um kabbalistische Vorträge zu hören (S. 66). Die einzige Stelle, die nach Verf. auf Leos Beziehung zur Kabbala hinweisen soll, die Anspielung auf die Seelenwanderung in den Worten: ,,wenn freilich nicht so groß das göttliche Erbarmen wäre, ihr ein Mittel zu verleihen zu ihrer Entsühnung“ (S. 107, Anm. 4) enthält einen Gedanken, der sich fast wörtlich im Kommentar seines Vaters zu Deut (Sabbioneta 1551, Bl. 83a), wie auch .bei dem sehr populären Moralisten und Kabbalisten Bahya ben Asher in seinem Qad ha-Qemah (Ven. 1546, Bl. 26a) findet. Verf. geht aber noch weiter und glaubt in Jochanan Alemano die Person ermitteln zu können, welche Leo mit der Kabbala bekanntgemacht haben sollte (S. 57—60). Es ist allerdings möglich, daß Leo mit Alemano in Be- Führung kam, daß er aber von ihm irgend welche neue Denkelemente hätte entnehmen können, ist kaum anzunehmen. Verf. stützt sich auf die von Alemano gegebene Deutung des Hohen Liedes als Symbol der himmlischen Liebe, durch welche die menschliche Seele strebt, sich mit Gott zu vereinigen. Diese allegorische Deutung ist aber in der Tat Gemeingut der spanischen allegorisierenden Exegetik des 14. Jahrh.; ich weise bloß auf den bereits erwähnten populären Bahya ben Asher hin, der diese Deutung als wohlbekannte erwähnt, und mit dem Ausspruch der Weisen über den Tod durch den Kuß genau im Sinne Leos (S. 111, Anm. 1) in Verbindung setzt (Qad ha-Qemah Bi. 4c). Ebensowenig ist die formale Abhängigkeit Leos von Alemano anzunehmen, da sie doch beide die Dialogform einem gemeinsamen Vorbilde entnehmen konnten, und Verf. weist denn auch selbst auf Pontanus hin, der Leo als Vorbild gedient haben sollte. Nebenbei mag bemerkt werden, daß es nicht einzusehen ist, warum Verf. nicht auf Jehuda ha-Levi hinweist, der sowohl Alemano als auch Leo die Dialogform, und zwar auf zwei Unterredende beschränkt, suggerieren konnte. Auch die Behauptung des Verf., Leos Vorliebe für die Astrologie sei auffallend, denn ,,die meisten der ältern jüdischen Philosophen gegen dieselbe sich ablehnend verhalten“, und daher einen außerjüdischen Einfluß, den des Pontanus, erfordert (&. 71), ist nicht genügend begründet. Denn, abgesehen davon, daß selbst von den ,,ältern Philosophen“ Ihn Gebirol, der nach Verf. einen besonders starken Einfluß auf Leo ausgeübt haben ,sollte,