Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Judenfrage im galizischen Landtag 1861 - 1868
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 389 (sequence 11)
- Language
- German
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389 Endlich appellierte er an das Gefühl der Abgeordneten mit den Schlußworten: ,,Meine Herren! Es ist Ihnen der neue Ukas (Ver- Ordnung) der kais.-russ. Regierung bekannt, welcher die Römisch- Katholischen vom Rechte des Realbesitzerwerbes ausschließt. Derselbe hat wohl begründete Entrüstung hervorgerufen. Dulden wir nicht, daß auch bei uns eine ganze Gesellschaftsklasse sich in gleicher Lage befindet; halten wir vielmehr an dem heiligen Grundsätze unserer Religion fest: ,,Was du nicht willst, daß man dir tu‘, das füg' auch keinem andern zu.‘' Doch der vielversprechende Antrag Goluchowskis scheiterte am Widerstande der Ruthenen. Einer ihrer angesehensten Führer, der Pater J. Guszalewicz* 1, brachte in der Sitzung vom 27. II. 1866 einen Gegenantrag ohne irgend welche M o t i v ii e r u n g2 ein: ״Ein hohes Haus wolle nachstehendes Ansuchen an die hohe Regierung beschließen: Sämtliche Gesetze und Verordnungen, welche das Recht der Juden einschränken, freie Gründe und rusticale Realitäten zu kaufen, oder zu pachten, sollen auch fernerhin verbindliche Kraft behalten; den k. k. Aemtern und Gerichten wird aufgetragen, diese Bestimmung strengstens zu befolgen." Der Gegenantrag Guszalewicz fand eine genügende Unterstützung im Hause3 und so wurden die beiden Anträge an die administrative Kommission des Landtages gewiesen, bei der sie liegen blieben, ohne jemals mehr das Tageslicht zu erblicken4. Goluchowski machte keinen weiteren Versuch, seinen Antrag in Erinnerung zu bringen, bezw. seinen Gegnern entgegenzutreten oder sie umzustimmen5. da sie gute? und sogar vortreffliche Rechenmeister sind, so ist ihnen sehr gut bekannt, <Uaß der Handel und die Industrie viel größere Vorteile — als die mühevolle Landwirtschaft — bietet.“ 1 Johann Guszalewicz, griechisch-katholischer Priester, seit 1861 Religionslehrer im Lemberger akademischen Gymnasium. Er ist einer der einflußreichsten ruthenischen Politiker, ein namhafter ruthenischer Dichter (mehrere Bände Gedichte und Dramen) und Redakteur mehrerer ruthenischer literarisch'belletristischer und pädagogischer Zeitschriften. Er war auch Reichstagsabgeordneter. Vgl. die biographische Skizze in S. Hahn: ״Reichsratsalmanach für die Session 1867.“ S. 105—106. 2 Ste!nogr. Protokolle der Sitzung vom 27. II. 1866. Abgeordneter Guszalewicz: ״In formeller Beziehung möchte ich bitten, meinen Antrag ohne Motivierung an die administrative Kommission zu weisen, denn die Zeit ist kurz und kostbar, und die mir diesen Antrag anvertraut haben, erwarten schleunigsten diesfälligen hohen Beschluß.“ — Diesen sonderbaren Wunsch ließ man gelten! 3 Ebenda. 4 Wie diese Erledigung des Antrages von der (liberalen) öffentlichen Meinung Ln Wien aufgenommen und eingeschätzt wurde, können wir aus einer Notig in der ״Presse“, Nr. 63 v. 6. III. 1866, ersehen: ״Die Rechtssektion (des galizBschen Landtages) beantragte, den Goluchowslaschen Antrag der Administiationskommission zuzuweisen. Diese Art, einen Antrag zu erledigen, nachdem man nahezu dritthalb Monate zu dessen Beratung Zeit hatte, ist wohl ein Unikum in der Geschichte des Parlamentarismus.“ 5 Etwa eine ähnliche Vorahnung ließ die ״Neue Freie Presse“ (Nr. 482 v. 2. I. 18*66) durchblicken, als sie schrieb: ״.’. . . Hoffentlich wird es dem Gf. Goluchowski darum zu tun sein, dem Anträge selbst zum Siege zu verhelfen,