Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Judenfrage im galizischen Landtag 1861 - 1868
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 386 (sequence 8)
- Language
- German
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386 Schon im ersten Landtag 1861 brachten die jüdischen Abgeorclneten (Samelsohn, Dubs und Kallir) den. Antrag ein auf Gleichberechtigung der Juden1. Fast gleichzeitig beantragte Ziemialkowski — am 19. III. 1861 — beim Landmarschall: ,,Dem Landesausschuß wird auf getragen, binnen kürzester Zeit einen Entwurf auszuarbeiten und zur Beratung und Beschlußfassung des hohen Hauses vorzulegen. 4. zu einem die Gleichberechtigung der Israeliten in unserem Lande normierenden Gesetze"2. Infolge der schnellen Vertagung des Landtages konnte über die beiden Anträge nicht verhandelt werden. Die Liberalen betrachteten jedoch auch ferner die Gleichberechtigung der Juden als eine der wichtigsten Aufgaben des Sejm (Landtages). Lassen wir ihren Hauptvertreter, Srnolka, selbst darüber sprechen: ,,Seit 1848, wo die Robotfrage gelöst wurde...., gab es und wird es keine wichtigere Frage geben. Es gibt keine so tief in unsere nationalen und sozialen Verhältnisse eingreifende Angelegenheit, wie es die Judenfrage ist. ..., von deren glücklichen Lösung im Geiste der Freiheit und der durch nichts geschmälerten Gleichberechtigung das Wohl unserer Zukunft abhängig ist"3. Deswegen unterstützten sie die Anfrage des Dr. Landsberger an den Landesausschuß vom 3. III. 1866, was denn mit dem Antrag Ziemialkowskis geschehen sei, und warum der Landesausschuß ,,bis jetzt einen diesfälligen Entwurf nicht vorgelegt habe? — mit der gleichzeitigen Aufforderung, diesen Entwurf schleunigst vorzulegen"4. Der Vertreter des Landesausschusses (Boczkowski) antwortete auf die Interpellation am 20. III. 1866, ein solcher Antrag sei allerdings von Ziemialkowski eingebracht, aber infolge der Vertagung des Landtages vom Hause nicht mehr verhandelt und beschlossen worden; wie alle unerledigten Anträge hätte man ihn damals dem Landesausschuß überwiesen, ohne nähere Angabe, was damit zu geschehen habe. Nachdem der Antrag aber später weder im Jahre 1863, noch in der jetzigen Session erneuert worden sei, und die bloße diesfällige 1 ,,Allg. Ztg. d. J.“ Nr. 20 ex 1861. 2 Stenogr. Protokoll des galizischen Landtages. Sitzung vom 2. III. 1866. Interpellation Landsberger und Sitzung vom 20. III. 1866, Berichterstattung Boczkowskis. 3 Die Judendebatte im galizischen Landtage, stenogr. Protokolle der Sitzung vom 80. September 1868. Srnolka geht noch weiter, indem er die Erteilung der Gleichberechtigung an die Juden als eine heilige nationale Pficht auffaßt, die der letzte vierjährige polnische Reichstag den kommenden Generationen auferlegte. In diesem Zusammenhänge erklärte er (ebenda Seite 77): ״Der Nationalgeist hat uns die Vollziehung dieses seines letzten Willens überwiesen.“ 4 Stenogr. Protokoll de dato. Diese Interpellation haben unterzeichnet: Samelsohn, Ziembicki, Skrzynski, Dietl, L. Wodzicki, Dubs, M. Koczyhski, A. Hausner, I. Lipczynski, Badeni, J. Breier, Seidler, Hubicki, AI. Borkowski, Fr. Trzeciewski, Kabath, I. Sawczynski, W§zyk, Fredro, Gniewosz, Cywinski, Mlocki, Dr. Zdun. Besondere Beachtung verdienen hier die Namen solcher bewährten Freunde und Vorkämpfer der Judenemanzipation wie der Abgeordnete W^zyk, Gf. Wodzicki, Gf. Borkowski, des Statthaltereirates Gniewosz, Sawczynski, Hubicki, Trzecieski, Prof. M. Koczyhski, dann der Handelskammerabgeordnete J. Breuer und A. Hausner sowie des Rektors der Krakauer Universität und späteren Stadtpräsidenten von Krakau, Dr. Dietl.