Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Judenfrage im galizischen Landtag 1861 - 1868
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 384 (sequence 6)
- Language
- German
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384 besaßen nicht die genügende Stärke, um ganz allein irgend etwas im Hause durchsetzen zu können. So mußten die jüdischen Abgeordneten erst einen harten, fruchtlosen Kampf um die Rechte der Juden kämpfen, mußten erst den Schiffbruch ihrer polnisch-patriotischen Politik und Orientierung erleiden und die galizische Judenschaft mußte erst aus der Stellung des Landtages zur Judenfrage die Konsequenzen ziehen, sich an eine breitere, außergalizische Oeffentlichkeit wenden und den Schutz der Regierung anrufen, bevor den Polen und Ruthenen die Augen auf gingen und sie in den Juden einen politischen Faktor zu erblicken begannen, den man nicht ungestraft übersehen kann. Die jüdischen Abgeordneten. Die jüdischen Abgeordneten vertraten nicht ihre jüdischen Wähler, obwohl sie sich mit Wärme und vollständiger Hingabe für die jüdische Sache einsetzten; denn weder ihre Tendenzen noch ihre politischen Sympathien deckten sich mit denen der jüdischen Masse. Das Volk hatte nämlich damals noch kein ausgesprochen politisches Programm, es hegte höchstens mehr oder weniger bestimmte Wünsche hinsichtlich der Gleichberechtigung, aber darüber hinaus wollte es von einer Teilnahme am politischen Leben nichts wissen. Keinesfalls gehörten seine Sympathien den polnischen Aktionsparteien, wie noch an anderer Stelle auseinandergesetzt werden soll. Die jüdischen Abgeordneten waren, ihrer ganzen Denk- und Handlungsweise nach, Vertreter der dünnen Schicht der jüdischen Intelligenz und namentlich der polnisch-assimilierten jüdischen Intelligenz. Sie unterstützten in allgemeinen Fragen im Landtage immer die polnische Nationalpartei. Da die liberale Gruppe in diesen Tagen, wie wir schon gesehen haben, nicht sehr mächtig war, mußte ihr diese Unterstützung sehr willkommen sein. Ueberdies hatten sich die jüdischen Abgeordneten für die polnische Nationalsache aufrichtig begeistert, alle vier waren ausgezeichnete Redner1, (drei von ihnen waren ja Advokaten), die sich Gehör zu verschaffen wußten und von ihren Kollegen gern gehört wurden. Auch kam ihnen eine große Gewandtheit in der Taktik parlamentarischer Verhandlungen, eine jahrelange Erfahrung, die sie aus der Teilnahme an den politischen Kämpfen in anderen korporativen Vertretungen2 schöpften, und endlich eine gründliche Kenntnis des Verfassungswesens zugute. Kein Wunder, daß solch befähigte Parlamentarier des öfteren in die wichtigsten Landtagskommissionen gewählt wurden. Die selbstlosen Liebesdienste der jüdischen Abgeordneten wurden von den Polen als etwas Selbstverständliches hingenommen, das zu keiner Gegenleistung verpflichtet. — Zwar forderten einige liberale Politiker, die sich von prinzipiellen Erwägungen leiten ließen, immer vollkommene Gleichberechtigung für die Juden. Aber ihre Zahl 1 Von Kallir sehen wir ab, da er nur in den kurzen und belanglosen Sessionen der Jahre 1861 und 1863 an den Landtagsverhandlungen teilnahm. 2 In dem jahrelang ausgeübten Vorsteheramte und in den heißen Debatten im Lemberger ,Gemeinderate verdienten sich die meisten von ihnen die Rittersporen.