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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1928-01-01 · Heft 4 · p. Seite 383

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
72 (1928)
Issue
Heft 4
Article
Die Judenfrage im galizischen Landtag 1861 - 1868
Date
1928-01-01
Page
Seite 383 (sequence 5)
Language
German
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3 83 liehen Beschlüsse des Lemberger Gemeinderates und des Landtages und verlangten eine Lösung der Judenfrage im liberalen Sinne1. Eine besondere Gruppe unter den Konservativen bildete der podolischeAdel. Der Chauvinismus, der ihn in seiner Stellungnähme zur Ruthenenfrage bestimmte, machte sich auch bei der Besprechung der• Judenfrage bemerkbar. Die beiden Generalredner gegen die Gleichberechtigung der Juden in der Debatte des Jahres 1868, Krzeczunowicz und Torosiewicz waren Angehörige des podolischen Adels. Neben den konservativen Gruppen verschwand die Zahl der demokratischen und liberalen Abgeordneten. Die bedeutendsten unter ihnen waren S m o 1 k a und Ziemiaiko wski. Franz Smolka, damals vielleicht die angesehenste und populärste politische Persönlichkeit Galiziens, war ein schöpferischer Politiker großen Stils. Sein Streben, das durch die Grundsätze einer polnischen und europäisch-liberal orientierten Politik bestimmt wurde, war ebensosehr auf die Befreiung der Polen, wie auf die der Ungarn oder der Juden gerichtet. Ganz anders Florian Ziemialkowski! Ihn leiteten nicht die großzügigen Ideen, der erhabene Idealismus Smolkas. Als nüchterner Advokat, als Meister in der Kunst des politischen Opportunismus, strebt er nahen Zielen und Kompromissen zu. Im Prinzip Anhänger der Judenemanzipation, war er doch zu sehr nüchterner Realpolitiker, um für sie unter allen Umständen, auch dann, wenn etwa polnische Interessen gefährdet wurden, einz utreten. Die Ruthenen nahmen durchweg eine judenfeindliche Stellung ein: Vielleicht lag es in der Natur der Sache, daß sie dieselbe rücksichtslose, chauvinistische Gesinnung, die ihr Existenzkampf mit den Polen sie gelehrt hatte, den Juden gegenüber bekündeten: sie sahen in ihnen einen Fremdkörper, der ihre noch auf so schwachen Füßen stehende junge Volkseinheit zersetzen konnte. Außerdem hatte ihr Gegensatz zu den Juden einen sozialen Hintergrund: die Bauernsöhne und die Vertreter eines Bauernvolkes mußten den jüdischen Händler und Arendator als den Ausbeuter der ungebildeten und der Trunkenheit ergebenen Bauern, der ihre aufklärende Arbeit in diesen Volksschichten ungeheuer erschwerte, ansehen. In der heißen Kampfatmosphäre des Landtages konnte der Judenfrage im allgemeinen nur wenig Beachtung geschenkt werden. Obendrein waren noch auf beiden Seiten die konservativen und judenfeindlichen Elemente tonangebend: hier die polnische Szlachta, dort die ruthenische und masurische Bauernschaft und die ruthenischen Popen. Ein Teil der polnischen Konservativen hatte zwar schon so manche Schritte getan, um die Gunst der Juden zu gewinnen, hatte aber nie mit der Judenemanzipation wirklich Ernst gemacht. Die Ruthenen waren für eine solche Taktik noch zu wenig politisch geschult und erfahren. Die liberalen Abgeordneten wieder 1 Vgl. Przeglad Polski ex 1866, S, 185. Außerdem die Broschüre von Szujski: ,,Aus einem Ausflug nach Lemberg“, eigentlich ein Sonderabdruck der Berichte aus den Landtagssitzungen im Jahre 1865, die Szujski an den ״Czas“ erstattete. Vgl. auch Feldmann: Die Parteien und politischen Programme, Band I, 130 ff.

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