Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Kosmologie der Agada
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 369 (sequence 7)
- Language
- German
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369 bildet seine Ausführung eine merkwürdige Parallele zu dem am Eingänge unseres Aufsatzes angeführten Ausspruche R. Samuel b. Nachmans. ״Das herrschende Prinzip ist umglänzt von strahlenartigem Lichte, und mit Recht mag man von Gewändern umkleidet es glauben. Es hat aber das älteste Geschöpf des wahrhaft Seienden, der Logos als Gewand sich umkleidet, das Weltall, Erde und Wasser und Luft und Feuer und was aus ihnen ist, umhüllt es sich* 1. Licht als Urstoff, und zwar mit der Theorie vom ״Licht im Licht“ — eine merkwürdige Parallele oder Quelle zu Sohar Chadasch — und mit der Vorstellung, daß Gott sich mit dem Licht umhüllt — gleich Philo und Samuel b. Nachmani — liegt in folgender Ausführung des slawischen Henoch vor2. ,,Und ich beschloß aber aufzustellen ein Fundament und zu schaffen die sichtbare Kreatur. Und ich gebot, daß im Obersten herabkomme von dem Unsichtbaren ein Sichtbares. Und es kam herab der überaus sehr große Adoel3. Und ich schaute ihn an, und Zu Schethijah vgl. noch Aptowitzer, Asenath, the wife of Joseph, Hebrew Union College Annual I 271 f. Hestia. — Vgl. noch Julius Stenzei, Ueber Platos Lehre von der Seele (Festschrift zur Jahrhundertfeier der Universität Breslau 1911) S. 88. — Hestia bei Philo, de Cherubim § 26. 1 De fuga §110 (I 562 M). Vgl. Freudenthal, Hellenistische Studien I 71. Zur Vorstellung der Umhüllung ist folgender in manchen mystischen Systemen des Islams wirkende Gedanke zu vergleichen: ,,In diesem Systeme stellt sich das Weltwerden als ein Sich-kundgeben Gottes dar, und dies geschieht dadurch, daß Gott sich umhüllt, Schleier anlegt, damit die Geschöpfe nicht durch seinen Glanz geblendet werden, wenn dieser unverschleiert hervorbräche. Gott will sichtbar werden und schafft daher eine Welt, in der die Fülle seines Lichtes nicht mehr konzentriert, sondern ausgebreitet und mit Finsternis gemischt ist.“ (Horten, Philosophie des Islam, S. 116). Diese Vorstellung steigert sich zu der Idee von der Einheit der göttlichen und weltlichen Substanz. Hier liegt keine ,,Mischung“ zweier Substanzen mehr vor, sondern die Aufstellung einer Substanz, an der die Weltdinge die Akzidenzien sind. Diese Substanz ist das ,,verborgene Licht“ geblieben, das vor Jahrtausenden zu Anfang der Entwicklung dieser religiösen Vorstellungen in primitiver Form war. Sie will sich daher ״mitteilen“, ,,offenbaren“, ״sichtbar werden“. Dies vollbringt sie aber nicht, indem sie ,,aufleuchtet“ oder ״aus sich Lichtsubstanzen“ emanieren läßt — dies würde eine Gottesferne voraussetzen —, sondern indem sie sich ״umkleidet“ mit materiellen Hüllen, die das ,,verborgene Licht“ sichtbar werden lassen. (Das. S. 117 f.) Gott ist vor der Welt verschleiert. Meere und Schleier trennen ihn von der Welt der Geschöpfe. Er wohnt in einem unzugänglichen Lichte. Nur dadurch kann er sich also manifestieren und offenbaren, daß er einen Schleier anlegt, damit er das Auge der Geschöpfe nicht blende. Beliebt ist das Paradoxon: dadurch, daß sich Gott verschleiert, wird er sichtbar, wie die Sonne nur dadurch für das schwache menschliche Auge sichtbar wird, daß eine leichte Wolke sie verhüllt. (Das. S. 250.) 2 Slawischer Henoch XXIV E—XXV. Uebs. von Bonwetsch, Texte und Untersuchungen 44, III. Reihe, Bd. III, Abhandlung 2, S. 23 f. 3 Was Adoel betrifft, so meint Charles (Morfil and Charles, The book of secrets of Enoch, S. 32), es entspricht dem hebräischen ״Jad El‘ ‘ (יד אל). Dies gibt aber keinen Sinn. Neumark, Geschichte der jüd. Philosophie II 307, meint, Adoel sei das griechische oföyjXov unsichtbar. Aber dagegen spricht Monatsschrift, 72. Jahrgang. 24