Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Kosmologie der Agada
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 368 (sequence 6)
- Language
- German
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368 ins Licht und kleidete eines ins andere und erschuf die Himmel, wie es heißt: Er hüllt sich in Licht wie in ein Kleid und spannt die Himmel wie ein Zelttuch. Dieses Licht ward das Licht seines Gewandes genannt, das Urlicht, das Gott anzog. Dieses Licht verbreitete sich in Hod und Hadar und so wurde die Welt erschaffen/‘1 Also auch hier ganz deutlich, die Welt wurde von Zion aus geschaffen, und zwar aus dem Lichte. Daß Zion Ausgangspunkt der Schöpfung war, beruht auf der Ansicht, daß Zion, genauer die Altarstätte, Mittelpunkt der Erde ist, nach dem Weltbild der Agada — die Welt eine Kugel, deren eine Hälfte die Erde mit scheibenförmiger Fläche und deren andere Hälfte der Himmel ist2 — zugleich Mittelpunkt der Welt3. Es ergibt sich also als Ansicht der Gelehrten: die Erde wurde vom Mittelpunkte aus in zentrifugaler Richtung gebildet, Mittel- und Ausgangspunkt der Schöpfung zugleich Urstoff — Licht. In der Tat sind die ״Gelehrten“, die Zion als Ausgangspunkt der Schöpfung erklären, identisch mit R. J e h u d a'4. R. J e h u d a aber lehrt, wie wir gesehen5, daß die Welt aus dem Licht geschaffen worden. Diese Doppeltheorie der Gelehrten (R. Jehuda) erinnert an die Kosmogonie der Pythagoräer: Zuerst soll sich nämlich im Kern des Weltganzen das Feuer der Mitte gebildet haben . . . die Hestia, der Herd oder der Altar des Weltalls . . . Von hier aus sollten sofort die nächstgelegenen Teile des Unbegrenzten . . . angezogen und durch diese Anziehung begrenzt worden sein, bis durch immer weitere Fort- Setzung und Ausbreitung dieser Wirkung das Weltgebäude zum Abschluß gelangt war6. Licht als Urstoff auch bei Philo, und zwar 1 Sohar Chadasch zu Ruth Auf., ed. Livorno 93a. 2 Vgl. Abodah Sarah III Mischna 1 und Jerusch, z. St. (42c): da die Welt wie eine Kugel ist. R. Jona sagte: Alexander der Makedonier, als er in die Höhe steigen wollte, so stieg er immer fort, bis er die Welt in der Form einer Kugel und das Meer in der Form eines Tellers sah. Vgl. auch Num. r. XIII 16 (54a), Responsen der Geonim Schaare Teschuba § 128, Responsen der Geonim ed. Harkavy §§ 12, 374, und die Anm. Harkavys das. S. 344, der aber auf den Jerusch, nicht verweist. Babli Abodah Sarah 41a, Pesachim 94b, Baba bathra 25b und 74a (,,wo Himmel und Erde einander berühren“); Gen. r. X 10; Koh. zutta S. 87; Pirke R. Elieser III. Siehe auch Taanith 8b; Gen. r. IV 5, XIII 13; Mid. Ps. XCIII 5; Baraitha der Masalotli IV (Ozar Midraschim ed. Wertheimer 15). Daß die Erdoberfläche scheibenförmig ist, ist die Anschauung der älteren griechischen Philosophen. Vgl. Zeller I 5 SS. 236, 438, 894, 1007, 1035. 3 Vgl. oben S. 364, Anm. 2. Zum Thema vgl. noch Aptowitzer REJ 1924, S. 156, Anm. 5. 4 In einer unserer Kontroverse vorhergehenden Baraitha heißt es: Die ,,Gelehrten“ sagen, von Zion aus ist die Welt erschaffen worden, dafür aber hat Jal. Job § 954: R. Jehuda. Vgl. Randglosse im Babli zur Stelle. 5 Vgl. oben S. 363, Anm. 2. 6 Zeller I5 412 f. — Ueber Hestia vgl. Frauner, Hestia-Vesta passim; Gruppe, Griechische Mythologie SS. 819 f., 1402; Monatsschrift 1911 S. 45 f.; Diesendruck, פידרוס (Warschau 1923) S. 79 f. Zu erwähnen ist die Ansicht mancher Forscher, daß der ,,Sehethijah“stein, der Mittel־ und Ausgangspunkt der Schöpfung, identisch ist mit Hestia. Nach anderen ist die Hestiavorstellung semitischen Ursprunges. Vgl. Monatsschrift 1872 S. 380 Anm. 2; Gruppe a.a. O. SS. 722, 724; Schulz, Archiv für Geschichte und Philosophie XXII S. 216 f.; Monatsschrift 1911, S. 46.