Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Der Anteil der Berliner Judenschaft an den Kontributionen während der feindlichen Besetzungen der Stadt im siebenjährigen Kriege
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 355 (sequence 6)
- Language
- German
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355 Nachdem die Kontributionssumme und die Kapitulationsbedingungen festgesetzt waren, handelte es sich um die Aufbringung der Gelder. Wenn schon die Kontribution von 1757 nach Gotzkowsky ,,die größten Bemühungen und unbeschreibliche Beschwernisse“ verursacht hatte, so handelte es sich jetzt um die schnelle Herbei- Schaffung eines unvergleich größeren Betrages; denn es mußten die Douceurgelder von 200 000 Rtlr. und eine Anzahlung von 500 000 Rtlr. auf die Kontribution sofort entrichtet werden. — Ueber den Rest wurde ein Wechsel ausgestellt. Zu diesem Behufe begaben sich am Sonntag, dem 12. Oktober 1760, um 6 Uhr morgens, der Magistrat, die Bankiers und ferner die Vertreter der Judenschaft in das Tottlebensche Quartier. Dort wurde der Wechsel unterzeichnet. Er lautete auf 1 Million Rtlr. ,,in allhier roullierender Silbermüntze,“ 2 Monate nach Ausstellung fällig, an die Ordre des Generals en chef, Grafen von Saltykow, zahlbar in Hamburg an das dortige Bankhaus Daniel Stenglin & Co. Als Vertreter der Banken zeichneten: Splittgerber & Daun, Friedrich Wilhelm Schütze, Joh. Georg Wegely, George Wilh. Schweiger, Holtzecker, Johann George Eimbcke, Gotzkowsky & Streckfuß, Johann. George Merck, Carl Friedrich Werstler, Leveaux & Thuillay, Schultze & Willmann, Scheel & Fronmüller, von Asten, Gebrüder Saltzmann, namens der Judenschaft zeichneten: Abraham Levy, Abraham Meyer, Hirsch David, Joel Bendix* 1. Der König ließ im ersten Groll den Wechsel am 16. Oktober ,,vor unzahlbar, null und nichtig und inacceptable“ erklären, um sich für ein ähnliches Vorgehen der Oesterreicher mit Wechseln, die von Preußischen Streif-Corps erpreßt worden waren, zu re vanchieren, aber den Vorstellungen des Magistrats und der Kaufmannschaft gelang es schließlich, den König davon zu überzeugen, daß eine derartige Behandlung der Wechsel schweren Schaden für die Aussteller herbeiführen müßte und überdies den Feind zur Vergeltung reizen würde. Die Einlösung der Wechselsumme zog sich ein Jahr hin, und der Wechsel wurde schließlich unter der Hand vom König bezahlt. Im Jahre 1764 verblieb noch eine Restschuld von 109 000 ,,Fortgesetzte umständliche Nachricht der yon denen Oesterreichischen, Russischen und Sächsischen Truppen im Monat Oktober 1760 auf die Stadt Berlin unternommenen Expedition etc.“ 1760 (Flugschrift). Siehe ferner: Hermann Granier: Die Russen und Oesterreicher in Berlin im Oktober 1760, Hohenzollernjahrbuch II, S. 113/145; Masslowski, Der siebenjährige Krieg nach russischer Darstellung, Bin. 1893, III. Teil (stark parteiisch gefärbt); J. W. Archenholtz: Geschichte des siebenjährigen Krieges, Leipzig 1911 in dem Kapitel über das Jahr 1760; Koser a. a. O. III, S. 87/88; Oncken a. a. O. II, S. 303/306; die Darstellung von Gotzkowsky in seiner Schrift: ,,Geschichte eines patriotischen Kaufmanns“, II. Aufl., 1769. (Für diese Darstellung Gotzkowskys, insbesondere über die Absicht Tottlebens, die Judenschaft zu besteuern, finden sich sonst keine Belege). 1 Acta des Magistrats' zu Berlin (a. a. O. Nr. 9): Die Invasion der russischen und österreichischen Truppen in die Mark Brandenburg betreffend in specie die Occupirung der Residentz, mens. oct. 1760. Vol. I Blatt 78 und 158. Der Wechsel ist vom 11. Oktober datiert; Gotzkowsky a. a. O. S. 35. Ueber die ersten drei Vertreter der Juden siehe dann S. 362 Note 2,3,8. Joel Bendix — יואל בר זכוויל דיין, Judenliste 1749 Nr. 97, gest. 1783, Grabstein Nr. 320;,er gehörte damals zu den טובים. 23*