Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 72 (1928)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Leone Ebreo und Pico della Mirandola
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 346 (sequence 3)
- Language
- German
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346 Werk und Picos Schriften, die ich übrigens an anderer Stelle behandelt habe1, können, so wichtig sie an sich sind2, für die Frage nach persönlichen Beziehungen schlechterdings keine Argumente liefern. Die Schriften des Pico selber (wir bedienen uns der Basler Folioausgabe von 1557) scheinen auf eine solche persönliche Bekanntschaft des Leone mit Pico hinzuweisen. An mehreren Stellen spricht er von einem ,,Leo Hebraeus“, in dem u. a. Graetz unsern Leone zu erkennen geglaubt hat. Es heißt einmal3 in Verfolg einer Untersuchung über die mögliche Genauigkeit astronomischer Instrumente: ,,Leo Hebraeus, vir insignis et celeber mathematicus quasi veteribus parum fidens excogitavit novuni instrumentum: cuius vidimus canones mathematica subtilitate praecellentes: verumtamen eo duas non erraticas (Fixsterne) bis eodem anno cum observasset, discrepasse priorem ab altera observationem duobus gradibus dicit: quod in aeris statum putat referendum“. Man hat früher4 in diesem Leo Hebraeus unsern Leone sehen wollen, und wirklich erwecken ja die Praesentia ,,dicit, putat“, sowie das Wort ,,vidimus“ den Anschein, als handele es sich hier um einen zur Zeit der Abfassung des Werkes (1494) noch lebenden Mathematiker, der dem Pico selber seine Erfindung vorgelegt hätte. Dem ist aber nicht so: Das Instrument, von dem hier Pico spricht, ist, wie Munk5 nachgewiesen hat, eine Erfindung des Rabbi Levi ben Gerson, der bei den Christen oft Leo de Balneolis oder auch Leo Judaeus genannt wurde. Gleichwohl hat Savino6 an der Identität des von Pico angeführten Mathematikers mit unserem Philosophen festgehalten, mit der Begründung, ,,es sei nicht vonnöten, einen Leo de Balneolis heranzuschleppen (di andare a pescare)“. Wir wollen deshalb dem von Munk gegebenen Nachweis noch ein neues Argument hinzufügen, daß nämlich der provenzalische Philosoph für Pico gar nicht'so weit hergeholt ist, wie Savino annimmt. Das von Levi ben Gerson erfundene Instrument wird nämlich von Jochanan Alemanno, dem Pico so viel jüdisches Wissen gerade in den fragliehen Jahren 1488—94 verdankt7, in seinem 8שער החשק unter dem Namen מטה לוי erwähnt. Es ergibt sich also, daß der an dieser Stelle des Pico genannte Leo Hebraeus nicht der unsrige ist. 1 In meinem Buche ״Die Idee der Liebe; Leone Ebreo. Zwei Abhandhingen zur Geschichte der Philosophie in der Renaissance“ (= Heidelberger Abhandlungen zur Philosophie und ihrer Geschichte, hrsg. v. Ernst Hoffmann und Heinrich Rickert, Heft 7), Tübingen 1926, passim; vgl. auch Zimmels, a. a. O., passim. 2 Leone hat nämlich im Grunde wenig unmittelbare philosophische Einflüsse von zeitgenössischen Denkern erfahren. Am wichtigsten in dieser Hinsicht, obwohl anscheinend bisher gar nicht bemerkt, ist der Einfluß des Francesco Gattani da Diacceto, dem wir eine besondere Studie zu wddmen gedenken. 3 Contra Astrologiam, über IX, cap. 8 (S. 671 der zitierten Ausgabe). 4 Zuerst Wolf, Bibi. Hebr. I 434. 5 Melanges de philosophie juive et arabe, Paris 1859, S. 500. 6 Studi di letteratura itaiiana, diretti da Erasmo Percopo, vol. X (1914), S. 109. 7 Ueber Jochanan Alemannos Beziehungen zu Pico vgl. Steinschneider, Hebr. Bibliographie, XXI (1881) 109—115, 130—132, und Gassuto, Gli Ebrei a Firenze, Florenz 1918, S. 301—305 u. ö. 8 Ed. Haiberstadt 1862, fol. 10a.